Barmherzig

Predigt zum 17. Januar 2021 von Pfarrer Patrick Mauser

Liebe Gemeinde,

es gibt Augenblicke, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Da zählt nur noch der Moment. Das Bild zur Jahreslosung 2021 nimmt uns hinein in einen solchen Augenblick. Es zählt nur noch eins: Geborgen zu sein in schützenden Armen. Die dunkle Gestalt mit ihren sonderbaren Stacheln schmiegt sich in die Arme der in hellen Farben gehaltenen Person. Ganz nah am Herzen dieser hellen Person ist Platz für die Stacheln und für alles, was die gebeugte Gestalt mit sich trägt. Hier ist Platz für ein ganzes Leben. Ob die beiden leise miteinander sprechen? Oder ob keiner redet und doch alles gesagt und alles klar ist, was bisher verworren und bedrückend war? Barmherzig – damit ist das Bild zur Jahreslosung überschrieben. Das Wort „barmherzig“ leitet sich sprachgeschichtlich ab von: „Beim Armen sein Herz haben.“ Barmherzigkeit bedeutet also schlicht: Das Leben dessen, der meine Hilfe braucht, berührt mein Herz.

Weil das Leben ist, wie es ist.
Die dunkle Gestalt ist nur schemenhaft zu erkennen. Gebeugt ist sie, übersät mit spitzen Stacheln. Sie lehnt ihren Kopf an die weiße Person, die ihre Arme um sie schließt. Für mich steht diese dunkle Gestalt dafür, wie das Leben ist: Zerbrochene Hoffnungen bohren sich wie Stacheln in die Seele. Was andere über uns denken und sagen, bleibt wie ein Stachel in uns stecken. Wir werden schuldig und können nichts gutmachen – wieder ein Stachel in der Seele. Oder wir stellen selbst Stacheln auf, um uns zu schützen. Weil manche Erfahrung uns hart gemacht hat, und wir meinen, uns allein durchkämpfen zu müssen. Wir tragen unsere je eigene Lebensgeschichte mit uns – auch mit allen Stacheln. Die Jahreslosung lädt uns ein, barmherzig zu sein mit anderen und mit uns selbst. Und dies bedeutet: Das Leben nicht schönzureden, sondern zu akzeptieren, was ist. Denn nur was angenommen ist, das kann gut werden.

Das Herz des Vaters
Die helle Person wendet sich liebevoll der Gestalt mit ihren Stacheln zu. Ein rotes Herz umschließt beide. Es hat einer sein Herz bei dem, der Zuwendung braucht. Die helle Person steht dafür, wie Gott uns begegnet. Ein barmherziger Vater ist er, sagt Jesus. Ein Vater, der sein Herz ganz bei uns hat. Die Stacheln der dunklen Gestalt scheinen die Arme der hellen Person zu durchbohren. Mich erinnert dies daran, dass die Hände und Füße von Jesus durchbohrt wurden, als man ihn kreuzigte. Zugleich war es seine Seele, die durchbohrt wurde. Unsere Stacheln und Lebenswunden hat er am Kreuz ausgehalten, damit in uns etwas heil wird.

Am Kreuz zeigt Gott, wie barmherzig er ist: Dass Platz für uns ist am Herz des Vaters. Im Hintergrund der beiden Personen sind vier Flächen zu erkennen, die sich durch unterschiedliche Farben und Strukturen voneinander abheben. Verbindet man die Linien zwischen den vier Flächen, ergibt sich ein Kreuz – das Zeichen der Barmherzigkeit Gottes.

Spiegel der Barmherzigkeit Gottes sein
Wo finden wir uns selbst wieder im Bild zur Jahreslosung? Vielleicht erkennen wir uns in der Person mit ihren Stacheln, oder wir sehen uns in der hellen Gestalt, die sich dem zuwendet, der Hilfe braucht. Jesus bringt es herausfordernd auf den Punkt: Gott beschenkt uns mit seiner Barmherzigkeit. Und nun kommt es darauf an, dass unser Leben die Barmherzigkeit des Vaters widerspiegelt. Das soll uns auszeichnen als Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus Christus: Dass wir barmherzig sind. Mit anderen und auch mit uns selbst. Wenn wir erleben, wie barmherzig Gott ist, können wir barmherzig sein und müssen andere nicht auf ihre Stacheln festlegen. Wir können dann auch barmherzig mit uns selbst und unserer eigenen Lebensgeschichte sein. Gott öffnet unser Herz durch seine Barmherzigkeit. Damit Stacheln und Lebenswunden heil werden können.

Pfarrer Patrick Mauser
 

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"Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade." | Joh 1,16
 

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