Blüh auf!

Liebe Gemeinde,
es ist Sonntag Judica, früher war das der Konfirmationssonntag mitten in der Passionszeit. An diesem Sonntag wurde ich konfirmiert. Es war saukalt vor 51 Jahren.
Der Predigttext führt uns tief in die Passion. Er ist schwer verstehbar für ungeübte Bibelleser*innen. Ich kann nicht auf Alles eingehen und erklären. Es lohnt sich in diesen Tagen, den Brief mal ganz zu lesen.
Ich habe zum Predigttext mehr Verse dazu genommen. Das erscheint mir sinnvoll.

Euer / Ihr Pfarrer Bernd Küster

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Lied zum Sonntag:
Holz auf Jesu Schulter (EG 97), auf Youtube zu finden. Ein starkes Lied!

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Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben.
Wir haben einen Altar, von dem zu essen denen nicht erlaubt ist, die am Zelt dienen. Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt.
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. (Hebräer 13, 8-13)


Liebe Gemeinde,

„Blüh‘ auf, gefrorener Christ!“ Was für Worte von Angelus Silesius. Bertolt Brecht dichtete für Mutter Courage: „Das Frühjahr kommt. Wach auf, du Christ!“ Die aufwachende Natur zieht uns nach draußen, ins Freie. Wieder Freiheit spüren, die Fesseln dieser Zeit ablegen. Die Sommerzeit ist angebrochen. Die Uhren sind umgestellt. Aber nichts davon ist stimmig, die Uhren ticken zurzeit anders. Die Corona-Krise bestimmt unser Leben. Wir sollen nicht rausgehen. Wir können den Aufbruch des Frühlings durch die Fensterscheibe beobachten und durch sie die warmen Sonnenstrahlen genießen. Gut, wer jetzt eine Terrasse, ein Stück Grün für sich hat.
 
„Blüh‘ auf gefrorener Christ!“ Das klingt nach Aufbruch. Unsere Situation ist eine ganz andere. Viele sind gefangen in ihre vier Wände.  Viele sind gefangen in der Arbeit für andere, ihnen danken wir für ihren großen Einsatz mit ganzem Herzen.

Aufbruch klingt in dem Hebräertext an. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Sind das Worte für Sterbende und Trauernde? Worte für den Friedhof, der nicht der letzte Ort sein soll? Selbst im Tod noch Aufbruch. Er hält nicht gefangen, die Fesseln fallen, die Todeskälte vergeht. In diesem Zusammenhang werden sie gerne gesprochen. Das ist nicht falsch und doch gehört dazu auch die Suche nach der besseren Stadt in dieser Welt. Gutes zu tun, vergesst nicht.

Der Hebräerbrief hat ganz eigene Vorstellungen. Er ist schwer verstehbar für uns Heutige.
Er greift auf die Opferriten zurück und interpretiert damit das unbegreifliche Passionsgeschehen. Tiere wurden geschlachtet. Mit ihrem Blut wurde der Altar besprengt. Das Blut ist das Leben, das Allerheiligste. Die blutleeren Tierleiber wurden vor den Toren der Stadt verbrannt, zu Asche, Staub und Erde. So werden sie zurückgegeben der Erde, von der sie genommen sind. Das Blut aber ist heiliges Leben von Gott. Das Leben der Tiere wird stellvertretend zur Sühne für die Sünde der Menschen gegeben.
Jesus hat nun seinen Leib und sein Blut nicht im Allerheiligsten im Tempel gegeben, sondern für alle, für das Volk, draußen vor dem Tor. Er sprengte damit bisherige Vorstellungen. Den heiligen Bezirk braucht es nicht mehr. Die Tür ist aufgetan für die Gemeinschaft der Heiligen, wie wir sie im Glaubensbekenntnis bekennen. Es gibt keine Hierarchie mehr von Hohepriester und Laien, alle gleich. Opfer sind nun nicht mehr gefordert, weder von Tieren noch Menschen. Gutes tun und mit andern teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Das klingt gut. Das lasst uns tun.

Aber da ist noch ein Satz, eine Aufforderung, die es in sich hat: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.“ Aufbruch zu einer unwirtlichen Stätte, draußen vor den Toren. Der Tod Jesu war alles andere als ehrenvoll. Die Kreuzigung war eine Schmach und Schande. Sie war eine Erniedrigung und Zeichen der Niederlage. Das so will uns wohl der Hebräerbrief sagen, vergesst das nie. Es war kein Triumphzug und ihr sollt daraus auch keinen in der Welt machen. Ihr sollt dazu stehen, seine Schmach mittragen.

Was kann das für uns heute heißen? Es kann heißen, dass wir uns nicht zurückziehen in unsere kirchlichen gut ausgestatteten Kirchenräume, sondern nach draußen gehen, dort wo Menschen leiden, erniedrigt werden. Dorthin gehen, wo Menschen gedemütigt und getreten werden. Denn da ist Gott. Das gilt auch für uns, Gott ist da, wo ich Niederlagen erleide, Schmach erfahre und verletzt bin.
Wenn wir uns auf die Seite der Geringsten stellen, werden wir spüren, was Schmach bedeutet, falls wir das nicht längst kennen. Wer einem Mobbingopfer zur Seite steht, spürt die Erniedrigung. Wer sich auf die Seite der Verlierer stellt, hört den Hohn der Gewinner anders.  Anderen zur Seite stehend bringen wir Opfer bringen, tun Gutes tun und teilen das Leben miteinander. In unserer Zeit des Coronavirus könnte das heißen, sich nicht abgrenzen von den Kranken, sondern solidarisch sein und tun, was Krankwerden verhindert. Dafür auf Gewohntes verzichten und Hilfe anbieten.

Im Alltag entstehen immer wieder Situationen, in denen wir uns auf die Seite von Geschmähten und Erniedrigten stellen können. „Blüh’ auf gefrorner Christ!“ Bleib nicht starr wie tiefgefroren, wo du gebraucht wirst. „Das Frühjahr kommt. Wach auf du Christ!“ Lass dir die Sonnenstrahlen gefallen und gib Wärme weiter. Öffne die Augen, werde wach für alle guten Neuanfänge. Sieh die Knospen an und stell dir vor, was aus ihnen werden kann.
Denke daran, wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir sind unterwegs, wir suchen die zukünftige, eine bessere Stadt im Leben und jenseits des Lebens. Das lässt sich nicht trennen.

Wir versuchen in diesen Tagen, der Corona-Krise Herr zu werden. Wir wünschen uns unser normales Leben zurück. Wieder eine Stadt voller Leben. Der Alltag möge zurückkehren. Selbst Schüler wünschen sich wieder Schule. Wollen wir zurück in das alte Leben oder gibt es doch Sehnsucht nach Aufbrüchen? Suchen wir die alte Stadt oder eine zukünftige, wie sie mal sein soll, wie sie allen gut tut?

„Blüh‘ auf gefrorner Christ!“ Aufbrechen, Neues wagen im Vertrauen: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Das ist das Fundament. Das bedeutet für mich. Mein Heil ist gesichert, ich bleibe in Gottes Händen. Davon will ich mich nicht abbringen lassen, was auch immer geschieht.  Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Ein festes Herz wünsche ich allen in diesen Tagen.

Amen.