Brich mit den Hungrigen dein Brot

Predigt zum Sonntag 14.6.

Liebe Gemeinde,
kennen Sie jemanden, der sein Haus verkauft hat, das Geld für Arme spendete und in eine Mitwohnung zog?  Oder jemanden, der seinen teuren Wagen verkaufte, einen billigen Kleinwagen kaufte, und den Rest spendete für Hungernde? In der Zeitung stehen manchmal Reiche, die Vermögen in eine Stiftung geben. Aber meistens behalten sie ein schönes Restvermögen. Aber in unserer Gemeinde, da gibt es Arme und Reiche wie eh und je. Offenbar war es mal anders.
Wir hören den Predigttext aus der Apostelgeschichte: Was da geschah, geschah kurz nach dem Pfingstereignis. Die Leute waren noch voll begeistert. Fast wie betrunken. Und was sie tun klingt nicht nach nüchternen Überlegungen, eher nach Kurzschlussreaktionen. Aber hören wir hin.

Apostelgeschichte 4, 32-37
Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes -, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Wir könnten die Geschichte ganz einfach abtun. Das war einmal. So geht es nicht. Wovon wollten sie dann leben? Was für eine Alterssicherung hatten sie? Waren sie nicht zu begeistert und dachten, am Ende der Begeisterung kommt Jesus und alles wird anders. So haben manche Jesus verstanden. Ihr braucht nichts, ich komme bald wieder. Am Besten ihr seid frei von allem, von Besitz und Eigentum. Manche wie Paulus setzten noch eins drauf, auch heiraten lohnt sich nicht mehr. Ihr könnt ganz frei sein für die Sache Jesu. Ihr könnt sogar den Kopf hinhalten. Ihr habt nichts zu verlieren, nur zu gewinnen auch als Märtyrer. Letztlich hängt das Zölibat damit zusammen und das Klosterleben. Der volle Einsatz für andere, für Notleidende und Bedürftige, ganz im Sinne des Evangeliums.

War das Alles falsch? Nach 2000 Jahren leben wir anders. Pfarrer erhalten Alimente, eine gute Pension. Wir haben Besitz und Eigentum. Wir haben Familie. Auch Klosterleute sind abgesichert.
Aber manchmal blitzt der alte Gedanke auf. Da riskiert einer sein Leben ganz für die Sache Jesu. Er geht zu den Armen in der Welt. Da verlässt eine ihren tollen Beruf und stellt sich ganz in den Dienst an Hungernde.

Leider und das habe ich schon miterlebt, wenn sie wiederkommen, haben sie kaum Rente, müssen selbst in Armut leben. Verdammt schwer ist das in unserer Gesellschaft.
Eigentum war für Karl Marx und Friedrich Engels Ursache der Entfremdung und der Ausbeutung des Arbeiters. Sie forderten die „Aufhebung des Privateigentums“ an Produktionsmitteln und der darauf basierenden Ausbeutung. In der Geschichte wurde das auch schon probiert, im Kommunismus. Alles gehört allen. Alle sollen ein gutes Leben haben, ungefähr gleichviel besitzen. In Russland wurde es 1917 und 1949 in Rumänien durchgeführt. Allerdings gaben die Bauern ihr Land selten freiwillig ab. Es ging auch nicht gut, nirgends.

Auch bei uns tauchen ähnliche Ideen auf. Das Neueste, die Forderung der Abschaffung des Privatautos zugunsten der Schöpfung. Das es da Widerstand gibt, brauche ich nicht groß erwähnen.
Eigentum verpflichtet – so steht es im Gesetz – auch fürs Soziale. Manche haben das nach dem Krieg erlebt, als es Zwangseinquartierungen gab. Es gibt es heute die Forderung nach Enteignungen von leerstehenden Häusern für Geflüchtete und Mittellose.

Aber, und so haben andere festgestellt, so wird es auch in den Kirchen vertreten, Eigentum gehört zur menschlichen Freiheit. Der Mensch braucht was Eigenes, über das er verfügen kann. Eigentum gibt dem Menschen Raum, sein Leben in Freiheit zu gestalten. Wer arm ist, spürt schnell Grenzen.
Also war das nur eine verrückte Idee in der ersten Gemeinde? Vielleicht dauerte die Phase nur kurz. Die Schriftlesung (Apg. 5), nach der ein Ehepaar scheinbar von Gott mit dem Tode bestraft wird, weil es nicht alles Geld aus dem Verkauf für die Armen gab, ist brutal. Die anderen fürchteten sich deswegen nicht ohne Grund. Vor wem fürchteten sie sich eigentlich? Vor Gott oder vor Petrus? War es eine erste Schattenseite des Sytems, weil es moralischen Druck erzeugte?

Wir könnten natürlich ganz nüchtern und aufgeklärt sagen, die Idee hatten auch andere. Es gab auch schon vorher solche Gemeinschaften im kleinen Rahmen, etwa klosterähnliche Gemeinschaften. Mit der Ausbreitung des Christentums war so ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich. Paulus bat auf seinen Reisen am Ende nur noch um Spenden für andere Gemeinden, etwa für die in Jerusalem, für die Brüder, die ihr ganzes Leben in den Dienst des Evangeliums stellten.
Schade, denn damit verblasst der Glanz der ersten Gemeinde. Aber ganz ist die Idee vom gemeinsamen Leben nicht totzukriegen.

Sie hat ja auch einen tiefen ernstzunehmenden Grund. Nämlich der Glaube an Gottes Schöpfung, alles ist sein Eigen. Noch von Jesus heißt es am Anfang des Johannesevangelium, er kam in sein Eigentum.
Die Israeliten hatten die fixe Idee, den irren Glauben, dass Alles Gott gehört. Daraus entwickelten sich weitere Ideen. Sie waren überzeugt, Gott will, dass alle genug haben, Land und Essen. Das Erlassjahr ist ein Gebot aus der Tora, 5. Mose 25,8-55: Jedes 50. Jahr nach sieben mal sieben Sabbatjahren, sollten die Israeliten ihren verarmten Volksangehörigen einen vollständ-igen Schuldenerlass gewähren, ihnen ihr Erbland zurückgeben und Schuldsklaverei aufheben. Wer zu Reichtum kam, wird zurückgeschnitten, wer nichts mehr hatte, bekam dazu. Ein Restart könnte man es nennen, zurück auf Los. Gott gebot: es soll keine Armen unter Euch geben!
Es kam wohl nie wirklich dazu. Aber die Idee blieb.

Denn, was sind das für schöne Gedanken, alle haben genug, keiner leidet Not, jeder hilft dem anderen, einer verkauft etwas, damit der andere ohne Not leben kann.  Einer vermietet seine lange leerstehende Wohnung an Wohnungslose, ganz billig, weil er das Geld nicht wirklich braucht.
Dazu können einem noch mehr schöne Ideen einfallen.

Hat Jesus gesponnen als er zu dem Reichen sagte: geh, verkauf alles und gib es den Armen. Wir Schwaben sind eh nicht reich, sagte mal ein Witzbold: wir haben nur Gütle und ein, zwei Häusle. In der Garage steht kein Auto, sondern nur ein Daimler. Also uns triffts nicht. Wir könnten eher noch ein Wohnwägele gebrauchen.  

Und überhaupt, wer Reiche auffordert zum Teilen, ist doch nur neidisch. Es kommt doch gar nicht aufs Geld an. Geld macht nicht glücklich. Du musst nur das Goldene Blatt lesen, dann weißt du, welche harten Schicksale die Reichen haben.

Das ist schon ein verrückter Glaube. Alles gehört Gott und Gott liebt die Armen. Dennoch diese Idee vom gemeinsamen Leben ohne Not, Hunger und Elend, ist ein schöner Traum. Haben wir ihn verlegt in den Himmel?

Dort soll er wahr werden. Der Tod hat keine Taschen, sagen wir, alle kommen dort auf Konto Null gestellt an. Es wird wunderbar sein. Ohne sichtbare Werte ist niemand mehr wert als der andere.
Aber was ist da für ein Traum, wenn er keine Wirkung auf unser Laben hätte? Martin Luther King hatte den Traum: Eines Tages haben alle Menschen die gleiche Würde und erfahren die gleiche Achtung.  Blieb der Traum ohne Wirkung? Dann war er sinnlos. Müssen wir ihn begraben, weil der Rassismus nicht vorbei ist? Das wird wohl niemand ernsthaft sagen. Auch den Traum vom gerechten Leben, vom Auskommen für jeden, dürfen wir nicht aufgeben. Es ist der Traum Jesu, eine Idee Gottes. Womöglich fehlt vielen der Mut dazu, manchmal auch mir. Dazu sagte mal einer: Wenn du ein Schiffbauen willst, dann zeige den Menschen nicht das Holz und die Arbeit, sondern zeige ihnen die Schönheit des Meeres und seiner Inseln.

Die Apostelgeschichte erzählt von der Schönheit der ersten Gemeinde, von ihrer Begeisterung, von ihrem Willen, keinen in Not zu lassen. Eine Gemeinschaft, in der keiner sagte: „Das ist meins, fass es bloss nicht an!“, sondern: „Hier, nimm es, wenn du es brauchst.“ Ich erinnere mich an Sandkastenerlebnisse. Ein Kind gibt seinen Kran nicht her: der gehört mir. Das andere Kind, das mit ihm spielen wollte, weint. Da kommt ein Drittes: hier nimm meinen. Friedlich ging es weiter.

Wir sollten uns den Traum vom gerechten friedlichen Leben nicht rauben lassen. Die Vereinten Nationen haben in diesem Sinne Ziele für die nächsten Jahrzehnte formuliert. Eines lautet: Hunger soll weltweit besiegt werden. Armut soll beseitigt werden. Deshalb ist diese Geschichte so wichtig. Sie hält den Traum wach. Es war gut. Niemand litt Not.
Amen.

Pfarrer Bernd Küster
 
 
IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII
 
Wochenspruch
"Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich." (Lukas 10,16a)
 

Lieder

  • EG 450, 1-3 Morgenglanz der Ewigkeit
  • EG 420, 1-5 Brich mit dem Hungrigen dein Brot       
  • NL 86, 1-4 Wenn das Brot, das wir teilen
  • EG 426,1-3 Sei Lob und Ehr     

 
Gottesdienst-Tipp
Livestreaming-Gottesdienst aus der Kreuzkirche Reutlingen mit Pfarrerin Melanie Scheede (So 10:15 Uhr)

Online-Kollekte
Nothilfe in Nigeria: Unsere Partnerkirche sorgt mit breit angelegten Hilfsmaßnahmen für Grundnahrungsmittel, Unterkunft, essenzielle Güter und Zugang zu Gesundheitsvorsorge. Es werden Materialien für den Wiederaufbau der Häuser und für den Ackerbau zur Verfügung gestellt.
Jetzt spenden