Christus, unser Licht

Predigt zum 31. Januar 2021 von Pfarrerin Ursula Heller

Liebe Gemeinde,

„Christus, dein Licht, verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde, und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht!“
Wahre Glücksgefühle müssen das gewesen sein, die die Jünger empfunden haben beim Anblick dieses Lichtes, das unsere Schatten verklärt! Und weil dieses Gefühl so wunderbar war, wollten sie es festhalten, Hütten bauen, den Ort nicht mehr verlassen.

Wie verständlich, denn bleibt nicht bei Glücksgefühlen immer der Wunsch, sie sollen nicht so schnell vorbeigehen? Festhalten möchten wir sie, die Momente des Glücks. Das Glück einer beginnenden Lebenspartnerschaft. Der Tag der Hochzeit, lange geplant, lange vorbereitet und dann so schnell vorbei. Eine erlebte Geburt für die Eltern, schmerzhaft für die Mutter, doch dem Schmerz folgt ein unbeschreibliches unwiederholbares Glücksgefühl. Feste, Geburtstagsfeiern, befriedigende Erfolge, ein schöner Urlaub.
Wie oft möchten wir die Zeit anhalten, um das Glücksgefühl noch lange auszukosten!
 
Im Zeitalter der Medien ist es zwar möglich, Bilder, Filme eines schönen Ereignisses festzuhalten, doch das Glücksgefühl, das uns Menschen in diesen Momenten beherrscht, ist nicht auf der Leinwand festzuhalten. Das habe ich erlebt oder eben nicht. Es lässt sich für den Moment jedenfalls nicht nachholen oder im Nachhinein beim Diavortrag oder auf dem Video nachempfinden.

Glück, Glücksgefühle, beim Nachdenken über diese großen Gefühle kommt mir sofort der Gedanke: Schade, dass sich diese Gefühle so selten einstellen. Schade, dass diese Hochstimmungen, wenn sie dann mal da sind, so schnell wieder verfliegen. Oder habe ich vielleicht selbst schuld, dass ich so selten in diese Stimmung komme? Ist mein Blick viel eher auf die Schatten gerichtet, auf das Dunkel, das so oft zu uns spricht? Verbaue ich mir die Glücksmomente sogar dadurch, weil ich sie unbedingt festhalten möchte? Vergesse ich, vor lauter festhalten wollen, das Genießen, das Auskosten dieser schönen Momente in meinem Leben?

In dem Buch "Ansichten eines Clowns" von Heinrich Böll sagt der Clown: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“. Können wir das, Augenblicke sammeln, das heißt, den Augenblick auskosten, das Schöne des Augenblicks mitnehmen in den nicht immer schönen Alltag?

Konnten die Jünger das Erlebnis auf dem Berg mitnehmen in ihren Alltag?

Für die Jünger muss diese Verklärung, diese Erscheinung auf dem Berg, diese wunderbare Lichterfahrung eine wirkliche Sternstunde gewesen sein. Nach all den vielen Anfeindungen und Entbehrungen, die sie an der Seite ihres Meisters Jesus aushalten mussten und weiterhin aushalten müssen. Nach all den Schwierigkeiten mit Menschen, die Wunder sehen wollen, die überhaupt etwas sehen, etwas greifen wollen, um zu glauben. Nach all den eigenen Ängsten und Unsicherheiten, die sich der Jünger immer wieder bemächtigten, muss die Verklärung auf dem Berg eine Bestätigung ihres Glaubens sein.

Kein Wunder, dass Petrus die Zeit anhalten will! Endlich erfährt sein Glaube eine sichtbare Bestätigung. Denn das ist schließlich die größte Schwierigkeit, zugleich aber auch die Voraussetzung des Glaubens, dass er nie eine sichtbare Bestätigung erfährt. Petrus, Jakobus und Johannes erfahren in der Verklärung das besondere Glück, schon zu Lebzeiten vom Glauben zum Schauen zu kommen.

Wer wünscht sich das nicht - eine Bestätigung des Glaubens, des Glaubens, der doch so oft, gerade wegen seiner Anfechtbarkeit, ins Schwanken geraten kann.
Und die Jünger, die mit Jesus ziehen und auch immer wieder Rede und Antwort stehen müssen über ihren Glauben, sie werden auch nicht frei gewesen sein von Anfechtungen, von Glaubenszweifeln. Glauben bedeutet nicht, sich ständig auf einer Welle des Glücks zu bewegen und schon gar nicht, dieses Glück dauerhaft festhalten zu können. Glauben im Zusammenhang mit Glück kann vielleicht heißen, dass wir das erfahrene Glück nicht übersehen, sondern den Augenblick des Glücks wirklich erleben und sammeln, um diesen Augenblick im Alltag als Stärkung zu erfahren.

Die Jünger brauchen die Bergerfahrung, um das bevorstehende Leiden, Sterben und den Tod ihres Meisters auszuhalten. Ein Leben zwischen Höhen und Tiefen ist auch unsere Wirklichkeit.

Die Jünger mussten, um diese Glückserfahrung der Verklärung zu erleben, sie mussten dazu auf einen Berg steigen. Sie mussten, um das Hochgefühl zu erleben, sie mussten sich erhöhen.
Glück fällt nicht einfach in den Schoß. Oft gehen Glückserfahrungen harte Zeiten voraus, Zeiten, in denen viele Berge zu erklimmen sind. Doch immer wieder wird sich auf dem Gipfel des Berges ein Hochgefühl, ein Glücksgefühl einstellen.
Jeder Bergsteiger, jede Bergsteigerin wird mir das bestätigen können, das Glücksgefühl, am Gipfel eines Berges angekommen zu sein.

Doch nach dem Aufstieg, dem Bezwingen des Gipfels, kommt unweigerlich der Abstieg. Die Jünger müssen wieder vom Berg herunter. Der Alltag wartet auf sie;
eine Welt, in der gesündigt, gelitten und gestorben wird. Eine Welt, in der sie täglich Anfeindungen, Vorurteilen ausgesetzt sind. Aber sie brauchen den Abstieg nicht allein zu wagen. Ihr Meister führt sie sicher wieder herab. Sie - und wir als christliche Gemeinde mit ihnen - sollen lernen, im Gleichgewicht zwischen besonderen Erfahrungen und Alltäglichem zu leben, lichte Momente und dunkle Augenblicke zu akzeptieren. Augenblicke ungetrübten Glücks sind nicht von Dauer. Aber sie sind dringend notwendig, denn sie tragen uns durch lange Durststrecken hindurch.

Die Jünger haben die Bilder des überirdisch leuchtenden Jesus gebraucht, um die Leidensstrecken ihres eigenen Weges zu überstehen. Auch wir brauchen Glücksmomente, die wir ohne Einschränkung erleben und auskosten, und vor allem ohne den Gedanken an den Abstieg, der auf einen Glücksmoment folgt. Erlebtes und wahrgenommenes Glück hilft beim Abstieg und trägt über schwere Zeiten. Zerstören wir sie uns nicht selbst, diese Augenblicke ungetrübten Glücks!

„Christus, dein Licht, verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde, und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht!“

Im Lichte Jesu Christi erkennen wir die Chancen, die Gott uns gegeben hat. Nutzen wir sie! Amen

Pfarrerin Ursula Heller
 

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