Dem Müden Kraft und Stärke!

Predigt zum Sonntag 19.4.

Vorbemerkungen zum Text:
Der Text richtet sich an die Israeliten im Exil in Babylon vor über 2500 Jahren. Sie waren Verschleppte, fern ihrer Häuser in der Heimat. Dürfen wir die Anrede Gottes auf uns übertragen? Ich denke in diesem Fall ja, denn hier ist nicht nur vom Gott Israels die Rede, sondern vom Gott, dem Schöpfer der ganzen Welt. Allen, die in Gefahr sind zu straucheln, dürfen auf Gottes Hilfe hoffen und ihnen gilt die Zusage Gottes.

Der Predigttext zum Sonntag Quasimodogeniti – d. h. wie die neu-geborenen Kindlein. Steht im Buch Jesaja, 40, 26-31. Das Gottesvolk war müde, matt, niedergeschlagen und ohne Hoffnung. Gott möchte, dass sie nicht müde werden im Hoffen, sondern stark bleiben.

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du Israel sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber“? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

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Liebe Gemeinde,

wir leben nicht im Exil, wir müssen zuhause bleiben, Isolation.
Wie die Neugeborenen“ werden wir uns fühlen, wenn die Pandemie vorüber ist. Ob der Virus beherrschbar ist, wie unser Bundesminister tönt, das wage ich zu bezweifeln. Überhaupt wieder dieser Ausdruck beherrschbar. Wir herrschen über die Natur. Wir Herrenmenschen, fällt mir dazu ein. Haben wir nicht längst gelernt, dass wir manches nicht beherrschen können, z.B. die Atomenergie und Allergien. Der Herr ist für mich ein anderer als der Mensch. Wir erleben in drastischer Weise, dass wir der Natur unterworfen sind oder besser wir sind ein Teil von ihr.

Was wir brauchen ist die Ehrfurcht vor dem Leben.
Wenn das stimmt was Virologen und andere behaupten, dass der Corona Virus uns wegen der Umweltzerstörung erreicht hat, dann steht uns noch einiges bevor. Noch ist diese Pandemie nicht vorbei. Erste Städte fordern das Tragen von Schutzmasken und Schutzkleidung.

„Bitte die Schutzkleidung anziehen, alle Körperteile bedecken!“ forderte der Ranger uns auf. Wir stiegen aus dem Boot und betraten einen Primärurwald in Thailand. 160 Millionen Jahre vom Menschen unberührte Natur wurde uns gesagt. Eine Stunde durften wir den Urwald mit seinen vielfältigen Stimmen und beeindruckenden Lauten betreten. Wir brauchten Schutzkleidung, weil der Wald für uns hoch giftig ist. In diesem Wald kämpfen Pflanzen und Tiere ums Überleben mit ihren Mittel. Nichts anfassen. Nicht mit der Hand über Blätter streifen. Nicht reden. Den Pfad auf keinen Fall verlassen. Sich streng an die Regeln halten. Selbst dem Ranger war eine Anspannung anzumerken. Ein Aufatmen als wir einen freien Platz erreichten.      
Durch Corona ist mir dieses Erlebnis wieder lebendig geworden. Wenn wir in diese Natur eingreifen, dann lauern uns Gefahren.  Wir haben als „Herren der Schöpfung“ alle Gefahren um uns beseitigt oder versuchen es zumindest. Selbst „Unkraut“ ist für manche eine Bedrohung. Erde wird von manchen abfällig als Dreck bezeichnet.  

Im Urwald habe ich wieder Staunen gelernt über die Vielfalt von Pflanzen und Tieren. Dazu der ohne künstliche Lichtüberflutung der sternenübersäte Himmel. Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer kann sie zählen. Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem Schöpfer, egal ob mit oder mit ohne Evolutionstheorien. Zum Staunen. Lob steigt auf. Lieder kindlichen Vertrauens „Weißt du wieviel Sternlein stehen…!“ Nein weiß ich nicht, aber ich vertraue, dass alles wohl geordnet ist.  
Aber wir greifen ein. Aus dem Blick zu den Sternen, ist der Griff nach den Sternen geworden. Vielleicht gibt es da seltene Erden, mit denen sich viel verdienen lässt.
Hebt eure Augen in die Höhe und seht! schaut in die Schöpfung.
Da kannste nur staunen. Aus 600 Millionen Zellen besteht der Mensch – selbst so kleine – neugeborene. Die Zellen werden versorgt, funktionieren miteinander. Manche werden fast täglich erneuert. Reicht Staunen nicht? Müssen wir alles wissen? Offenbar sind wir dazu gezwungen, verflucht oder wie soll man es nennen? Der Drang dazu ist unbändig. Gerade jetzt, wir wissen zu wenig über das Virus. Wir brauchen mehr Wissen. Es ist gut, wenn wir eines Tages wissen, wie das Virus eingedämmt werden kann. Wenn Wissen zur Einsicht führt und Naturausbeutung verhindert,   
dann kann ich über das Wissen staunen.

Wir wollen Alles wissen, auch über Gott. Was können wir wissen? Kann Wissen zum Glauben führen? Fakten und naturwissenschaftliche Beschreibungen sind nicht möglich, was manche zu Atheisten werden lässt. Unser Wissen speist sich aus Erfahrungen, die Menschen im Glauben an Gott und mit Gott gemacht haben. Darin erinnert unser Text:
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Offenbar haben die Menschen dieses Wissen vergessen. Der Mensch ist Gottes schwierigstes Wesen. Er kann die Natur bewundern und kann verhängnisvoll eingreifen in die Schöpfung. Er hat seinen eigenen Kopf. Er kann sich freuen übers Leben und sein augenblickliches Leben verwünschen.  Er kann vergessen.
Gott hält dagegen: Warum sprichst du denn: Mein Weg ist Gott verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber? Wie kannst du so etwas sagen? Du vergisst, wer alles geschaffen hat, wie sollte der Schöpfer der Erde müde werden?
Ein ganzes Volk scheint müde geworden zu sein. Selbst die jungen Männer, die starken und halbstarken, straucheln und fallen kraftlos. Das ist nicht die Frühjahrsmüdigkeit. Es fallen einem auch die in dieser Krise Abgekämpften ein, die wenig Zeit der Erholung haben.
Es ist eine schlimme Sache, wenn du keine Kraft mehr in dir spürst,
den ganzen Tag von morgens an.
Ich meine nicht die, die durchgefeiert haben und am Morgen die Augen nicht aufkriegen. Ich meine die Ausgebrannten, Erschöpften, Resignierten.

Da ist die Frau, die ihren Mann jahrelang gepflegt hat. Zuletzt lag er nur noch. Die Erschöpfung hält sie immer noch gefangen, schon ein Jahr lang.
Da ist der junge Mann. er hat es beruflich geschafft, verdient gut. Die Firma läuft. Überstunde auf Überstunde. Er freut sich auf den Feierabend, das Wochenende, wie ein ertrinkender auf ein rettendes Boot. Aber wenn er dann zu Hause ist, dann schläft er bis mittags und verbringt den Rest des Tages vor Fernsehen und Computer. Eigentlich wollte er raus, Sport treiben, Freunde treffen. Auch das macht ihn müde. Er schafft es nicht.
Da ist der Jugendliche fertig mit der Schule, wirklich fertig. Er hat keine Kraft für Bewerbungen. Er ist müde und matt. Er möchte am liebsten nur die Decke über den Kopf ziehen.
 
Müde Menschen – fast jeder kennt sie. Manchmal meiden wir sie, weil sie uns in etwas hineinziehen, was uns selbst bedroht. Der Wunsch, einfach mal liegen zu bleiben.

Hilft es zu sagen: Kopf hoch – schau dich mal um? Manchmal. Eine andere Körperhaltung kann schon helfen. Eine neue Körperspannung aufbauen, kann helfen. Auch Kleider machen Leute. Ein Flug über den Wolken kann zum Lachen führen über Probleme, die plötzlich ganz klein werden.
Aber Vorsicht: nicht immer klappt das. Kopf hoch, es wird schon wieder. Manchmal kann dieser ständige Apell gefährlich sein. Dann braucht der Müde professionelle Hilfe bis er wieder den Kopf heben kann und staunen.

Auf alle Fälle kann es hilfreich sein, den Kopf zu heben, sich umzu-schauen. Ist diese Welt nicht wunderbar, einzigartig – wer hat das geschaffen? Gerade jetzt im Frühling, wo Knospen aufspringen, Blüten aufgehen, alles grünt.  Wie neugeboren, voller Energie.
Warum sollte der, der das alles geschaffen hat, nicht Müden neue Kraft geben und Strauchelnden aufhelfen können. „Vertraut mir.“, ruft Gott, bittend, fast flehend.

Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen.
Nur Männer? Was sagen die Frauen dazu? Sind Männer eben doch das eher schwächelnde Geschlecht. Sie werden müde. Die Frauen mit ihrer Power. Sie erscheinen oft stärker, wenn man bedenkt, was Frauen alles leisten müssen, was von ihnen gefordert wird, auch jetzt in der Pandemie.
Hilfe für müde Männer – aber auch Frauen werden müde.
Die auf den Herren – und nicht auf die Herren der Welt - harren, kriegen neue Kraft. dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler. Welch ein schönes Bild. Uns Müden wachsen Flügel, aber nicht um sich davon zu machen, sondern um mit Kraft und Leichtigkeit, die Aufgaben zu bewältigen, die das Leben stellt. Dass wir wandeln und nicht müde werden.
Flügel für müde Menschen, sie wachsen uns von Ostern her. Wir feierten die Auferstehung. Müdigkeit kann fallen – wenn wir auf den Auferstand-enen sehen, wachsen uns Flügel. Wir werden zu Boten der Hoffnung.
    
Gott sieht unsere Müdigkeit und Mattheit, schreibt der Prophet. Er schaut nicht weg. Er verschließt sich nicht und lässt die Ermüdeten nicht liegen. Er ermuntert und hofft, dass wir uns neu an ihn wenden, ihm vertrauen. Dieses Vertrauen sollen wir schöpfen aus seiner Schöpferkraft, im Blick auf die gewaltigen Berge und die unzähligen Sterne am Himmel, die er geschaffen hat. Wie klein ist der Mensch dem gegenüber. Psalm 8: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitest hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass dich seiner annimmst.“ Wir können nur staunen. Das beflügelt uns und verschafft uns Leichtigkeit wie einem Adler.
Der Adler wurde zum Symbol für Christus in seiner Auferstehung und Auffahrt zum Himmel. Der Adler kann in die Sonne sehen. Wir können aufsehen auf das Licht der Welt.
Das ist Gottes Verheißung: Wenn wir matt und müde werden, können uns Flügel wachsen im Staunen über ihn.

Amen.

Ihr Pfarrer Bernd Küster

 

Liedvorschläge

  • Die Sonne geht auf: Christ ist erstanden (EG 550)
  • Wo einer dem andern neu vertraut (EG 551)

 

Wochenspruch

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1. Petrus 1,3)
 

Gottesdienst-Tipps


Gottesdienst "Du bist nicht allein“ aus der Diakonie Stuttgart
Gottesdienst der Kirchengemeinde Genkingen (verfügbar ab Sonntag)
Live-Gottesdienst "Kraftvoll" der Kirchengemeinde Weil im Schönbuch (So 10 Uhr)