Der Geist Gottes

Predigt zum Sonntag 31.5.

Liebe Gemeinde, 

Pfingsten das Fest des Geistes. Selten war das Wort „Geist“ so oft zu lesen wie in unserer Zeit. Da tauchen Geisterspiele mit Geisterspieler auf grüner Wiese auf. Geisterspieler haben Heimspiele. Was sind das für Geister?
Hoffentlich übersetzt das niemand ins Englische mit ghost games. Manche Tansanier würden denken, es handle sich um echte Geister, die im Stadion Fußball spielen. Dabei geht es um geistlose Leere, ohne Zuschauer.
Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los. Goethe Faust. Etwa die Geister im Fußball. Da passt der Spruch.
Was für Geister haben wir ins Leben gerufen? Jetzt in dieser Corona Krise.  Verschwörungsgeister, wissenschaftliche Geister.
Pessimisten vermuten, die Geister driften auseinander, unser gesell-schaftlicher Zusammenhalt zerbricht. Von drohender Gewalt ist die Rede.

Was für ein anderer Geist war doch da der Geist Gottes. Er führte Menschen zusammen. Öffnete verschlossene Räume. Ein öffentlich wirksamer Geist. Menschen verschiedener Völker verstanden die Botschaft. Die Geburtsstunde der Kirche und zwar der weltweiten Kirche wird mit Pfingsten verbunden. Eine sprachlich bunte Kirche. Hautfarbe spielt keine Rolle. Welch ein Zauber lag im Anfang? Was ist daraus nur geworden?

Der Rassismus in den USA steckt immer noch in den Kinderschuhen. Christen waren und sind daran beteiligt, oder dürfen wir sagen, solche die sich Christen nennen? Oder die Christen, die ohne Schutzmaßnahmen Gottesdienste feiern, weil sie glauben, Gott verhindert jede Ansteckung.
Pfingsten: Die globale grenzenlose Kirche wird heute gefeiert. Alle sollen Christen werden. Machet zu Jünger alle Völker, weil das Evangelium Jesu die beste Botschaft ist. Das Wort gefällt manchen nicht, weil damit Machtmissbrauch verbunden sein kann.

Haben Sie den Streit um das neue Humboldtforum in Berlin mitbekommen?
Das Humboldt Forum wird nach historischem Vorbild am Ort des früheren Berliner Schlosses errichtet. An der Kuppel wurde ein Schriftband mit goldgelben Buchstaben auf blauem Untergrund angebracht. Es geht auf den Preußen-König Friedrich Wilhelm IV (1795-1861) zurück. Der Text auf dem Schriftband lautet: "Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind." Es sind zusammengesetzte Sätze aus dem Neuen Testament. Das Stadtschloss bekommt ein Kuppelkreuz.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sieht im Kreuz eine Einladung zur Diskussion. Es stehe als Symbol für Nächstenliebe, Freiheit, Weltoffenheit und Toleranz. Das Humboldt Forum werde "einen gleichberechtigten Dialog der Weltkulturen ermöglichen".
Der Jüdische Rabbi Nachama und nicht nur er sieht das kritisch. Friedrich Wilhelm IV. habe „sich einen Namen bei der blutigen Niederschlagung der Revolution von 1848 gemacht“. Da ging es um Demokratie, Befreiung der Bauern und Meinungsfreiheit gegen die Heilige Allianz von Staatsmacht und Kirche, die in die Knie zwang. Hier wird das ganze Dilemma christlicher Mission und deutscher Geschichte deutlich.
Die Humboldt Brüder, deren Namen das Gebäude trägt, waren sehr kritisch in diesem Punkt, gegen christliche Kolonialisierung. Jetzt streiten sich die Geister.

Nun ist Pfingsten das Fest des Geistes, nicht der sich scheidenden Geister. Das Fest des Geistes Gottes. Pentecoste – fünfzig Tage nach Ostern geschah es. Der Geist Gottes - ein Feuer, das kam, das nicht zerstörte, ein Sturm, der nicht verwüstete. Der Geist Gottes ist so allgegenwärtig wie Luft und Wind.  Geht in die Menschen ein, verwandelt, bewegt zum öffentlichen Sprechen und Handeln.
Dieser Geist ist ein fremder Geist, nicht unser Geist, aber ein Geist, der die Fremdheit überwindet. Die Fremdheit zwischen Gott und Mensch, die Fremdheit zwischen den Menschen.
Hätte man einen Christen im 1. Jahrhundert gefragt, was ihn zur Gemeinde zog – er hätte geantwortet: Weil dort der Geist ist: „Bei uns gibt es Leute aus aller Welt: Juden, Parther, Meder, Kappadokier, Kleinasiaten, Ponter, Phrygier- aber in der Gemeinde gehören wir alle zusammen.“ Er hätte aus den Paulusbriefen zitieren können: „Denn auch wir sind in einem Geist alle zu einem Leib getauft worden, ob Juden, ob Griechen, ob Sklaven, ob Freie und sind alle mit einem Geist getränkt worden.“ (1.Kor12,13) Eben darin bestand die Attraktivität urchristlicher Gemeinden: Menschen kamen sich näher als anderswo in der Gesellschaft. Geisterfahrung bedeutete: Näherrücken, Abbau sozialer Distanz zwischen Reichen und Armen, zwischen Juden und Heiden, zwischen Herrn und Sklaven.

Aber warum reicht dazu nicht unser Geist, unser Einfühlungsvermögen aus? Warum schaffen wir die Brücke zum anderen Menschen nicht aus eigenen Kräften? Wir schaffen hier viel. Aber es gibt offenbar eine Grenze. Jeder von uns ist in seinem Geist eingeschlossen wie in seine eigene Haut. Letzte Woche wurde mir das überdeutlich. Nicht nur durch die Ermordung des Schwarzen in den USA, auch durch die Diskussionen hier. Was einige Demonstranten so äußerten, zeigt ihre Begrenztheit.
Der Geist der Überwindung hat es schwer. Manche können nicht aus ihrer Haut, aus ihrem Geist. Ich manchmal auch nicht. Ein aufeinander Zugehen scheint dann fast ausgeschlossen.

Was im individuellen Leben zu bizarren Konflikten führt, ist im Verhältnis der Völker der Normalfall: die gegenseitige Unterstellung: ihr wollt die Macht, ihr Muslime wollt uns alle nur überrumpeln, die Flüchtlinge überschwemmen uns. Unsere Vernunft erweist sich dabei oft nur als schwaches Korrektiv: Oft scheinen wir die allervernünftigsten Argumente dazu zu finden, um den anderen finsterste Absichten zu unterstellen.  

Das ist also unsere Lage: wir sind eingeschlossen in uns selbst. Es scheint, wir brauchen Abgrenzung. Dieses Eingeschlossensein ist wie ein Fluch. Es ist eine Gefahr, die zur tödlichen Gefahr werden kann, wie Konflikte um Corona zeigen, Virologen erreichen Morddrohungen, aber auch im Streit zwischen Staaten.

Der Geist Gottes öffnet unseren Geistesgrenze. Mitfühlen, mitleiden. Aber wie viele leiden? Könnten wir ihre Hilferufe hörbar machen – diese Kirche wäre von einem unheimlichen Brausen erfüllt. Die Stimmen der Unterdrückten, Gefolterten und Verlassenen. Das ganze Seufzen der Kreatur würde ein gewaltiger Sturm werden. Die Öffnung für andere kann unerträglich werden. Wer kennt nicht die Hilflosigkeit, die da entsteht, das Ohnmachtsgefühl.

Aber in der Gemeinschaft des Geistes Gottes sind wir nicht allein.  Wir dürfen vertrauen, dass er überall Menschen dazu bringt, ihren Egoismus und ihre Trägheit zu überwinden und sich für andere einzusetzen – auch uns. Dieser Geist wird in der Gemeinschaft der Gläubigen erfahren.  Pfingsten: Kirche bricht immer wieder neu auf.  Kirche ist nicht der Haufen sitzengebliebener Traditionalisten, sondern geht hinaus in alle Welt.  Der Geist Gottes gibt uns Christen eine Aufgabe in dieser Welt, die wir nicht allein erfüllen können. Wir brauchen das Zusammenwirken der Religionen und Kulturen. Nur so wird Frieden möglich.

Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes und der Pfingstpredigt des Petrus schildert die Apostelgeschichte die Auswirkungen des Geistes. Sie bestehen nicht nur in Überwindung von emotionalen und sprachlichen Grenzen. Vielmehr lesen wir von einem materiellen Ausgleich zugunsten der Bedürftigen. „Alle Gläubiggewordenen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam, und sie verkauften Güter und Habe und verteilten sie unter alle, je nachdem es einer es nötig hatte.“
Gemeinschaft des Heiligen Geistes – das umschließt die Bereitschaft zum Besitzausgleich, die Bereitschaft zum Abgeben. Die soziale Marktwirt-schaft und Verpflichtung des Eigentums zeugen von diesem Geist. Ebenso die Freiheit des einzelnen, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, alle Menschen gleich vor dem Gesetz, ob reich, ob arm, egal welcher Nationalität. Wo das gelebt wird, sehe ich Wirkungen des Heiligen Geistes.

Eine völkerverbindende Gemeinschaft wird möglich, wo diese Bereitschaft vorhanden ist. Wo diese fehlt, ist der Geist Gottes nicht lebendig. Wir brauchen eine gemeinsame Bewältigung der Coronakrise in der Verantwortung vor Gott. Dazu gehören Hilfen und Schuldenerlass für Menschen in Nöten und für arme Länder und.

Manche beschwören nun einen neuen Geist durch die Coronakrise, der wehen soll. Der alte Geist des Egoismus soll überwunden werden. Der alte Geist des Machtanspruches von Christen, soll dem Geist des Dienens und der Nächstenliebe weichen. So gewinnen wir die Welt und die Herzen der anderen. Dann gehen Türen auf.
Wir feiern das Fest des Geistes und nicht der Geister. Der Geist Gottes weht wo er will, auch in anderen Religionen und in und durch uns fremden Menschen. Der Geist Gottes öffnet die Tür für eine gute gemeinsame Zukunft. Er möge uns dazu bewegen. Amen.
 
Ihr Pfarrer Bernd Küster

 

Wochenspruch

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sacharja 4,6b)
 

Lieder

  • EG 135, 1-4 Schmückt das Fest mit Maien…
  • EG 555, 1-3 Ein Licht geht uns auf…
  • EG 136, 1-4.7  O komm du Geist der Wahrheit