Der Sprungturm

Predigt zum 7. März 2021 von Pfarrer Patrick Mauser

Liebe Leserin, lieber Leser,

am heutigen Sonntag findet im Gottesdienst die Predigt in Form eines Interviews statt. Daher kann ich Ihnen keine Predigt im klassischen Sinne liefern. Diese Woche im Markus-Evangelium lasen wir die „Stillung des Sturmes“. Ich habe für Sie eine Predigt zur Matthäusversion der „Sturmstillung“ – vor 2 Jahren entstanden. Lassen Sie sich entführen, zurück in eine Welt vor Corona – und in ein Freibad.

Ihr Pfarrer Patrick Mauser

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Auf vorsichtigen Schritten geht Peter über die raue und nasse Oberfläche. Ein paar Meter weiter oben, wo er jetzt steht geht ein bisschen kühler Wind, der den Pommesgeruch und das Lachen und Gellen der Kinder zu ihm hochträgt. Noch ein Schritt und schon kann Peter über den Vorsprung schauen. Puuh! Denkt er sich. Das sah von unten nicht so hoch aus...er merkt, wie ihm die Knie weich werden. Er kann nicht weitergehen. Er kann nicht springen.

Hinter ihm erscheint ein Kopf am Ende der Leiter, der über den Sprungturm schielt und ruft: "Jetzt mach schon. Wir wollen heute auch noch springen".

Doch das macht es für Peter nicht besser. Er schaut nach unten in das blau-weiß des Wassers weit unter ihm. Die Begrenzungslinien der Schwimmbahnen strecken sich im Blau wie kerzengerade Straßen nach vorne. Irgendwo zwischen ihnen wird er landen. Zurück kann er nicht mehr.

die Leiter zum Sprungturm ist schon voller zorniger Kinder. Die brüllen auch schon kräftig.
Da hört Peter eine bekannte Stimme durch den leichten Wind. Es ist sein Vater, der unten am Beckenrand steht. "Komm, Peter. Dir passiert nichts. Spring."

Jetzt nimmt Paul allen Mut zusammen und geht in die Knie. Im Sprung streckt er sich und wedelt mit den Armen in der Luft um senkrecht auf dem Wasser aufzukommen...er neigt sich zu weit nach hinten und es macht kräftig "PLATSCH"...um ihn herum ist alles voller weißer Blasen und Blubber...sein Rücken brennt und zieht wie verrückt...das ging ja jetzt total in die Hose...peinlich und schmerzhaft...er taucht auf und schwimmt zum Beckenrand...

"Ohje, Peterle, da bist du aber ein bisschen hart aufgekommen", sagt sein Vater zu ihm. Peter läuft eine Träne aus dem Auge. "Och, hey, das hört bald auf weh zu tun. Das passiert. Und schau mal zu dem Turm:
Da hast du dich getraut runterzuspringen. Das ist doch toll! Da kannst du stolz drauf sein!". Peters Papa legt ein Handtuch und einen Arm um seinen Sohn und die beiden gehen vom Beckenrand weg.
"Und zur Feier des Tages holen wir uns erst mal ein Eis", sagt Peters Papa. Peter lächelt. Sein knallroter Rücken tut schon gar nicht mehr weh.
 
Jesus geht auf dem Wasser
Nun drängte Jesus die Jünger, unverzüglich ins Boot zu steigen und ihm ans andere Ufer vorauszufahren; er wollte inzwischen die Leute entlassen, damit sie nach Hause gehen konnten. Als das geschehen war, stieg er auf einen Berg, um ungestört beten zu können. Spät am Abend war er immer noch dort, ganz allein. Das Boot befand sich schon weit draußen auf dem See und hatte schwer mit den Wellen zu kämpfen, weil ein starker Gegenwind aufgekommen war.
Gegen Ende der Nacht kam Jesus zu den Jüngern; er ging auf dem See. Als sie ihn auf dem Wasser gehen sahen, wurden sie von Furcht gepackt. »Es ist ein Gespenst!«, riefen sie und schrien vor Angst. Aber Jesus sprach sie sofort an. »Erschreckt nicht!«, rief er. »Ich bin´s. Ihr braucht euch nicht zu fürchten.« Da sagte Petrus: »Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!« - »Komm!«, sagte Jesus. Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu.
Doch als er merkte, wie heftig der Sturm war, fürchtete er sich. Er begann zu sinken. »Herr«, schrie er, »rette mich!« Sofort streckte Jesus seine Hand aus und hielt ihn fest. »Du Kleingläubiger«, sagte er, »warum hast du gezweifelt?« Dann stiegen beide ins Boot, und der Sturm legte sich. Und alle, die im Boot waren, warfen sich vor Jesus nieder und sagten: »Du bist wirklich Gottes Sohn.«

 
Liebe Gemeinde,

"Mann über Bord!". Was für eine tolle Geschichte.
Und für viele Menschen die sprichwörtliche Jesus-Wunder-Beispiel Geschichte, neben der Hochzeit zu Kana. "Kann ich Wasser zu Wein machen."? "Bin ich Jesus? Kann ich auf dem Wasser gehen?". Dabei hat Jesus doch viel größere Wunder getan, oder? Aber vielleicht sind unserem Alltag diese Geschichten näher.

Und ich glaube, was Menschen mit dieser Geschichte verbindet: das Alltägliche und das Wunderbare: Vielleicht nicht so spektakulär, wie einen Menschen von den Toten auferwecken, aber etwas, von dem wir alle wissen, dass es nicht gehen kann. Etwas, dass wir auch schon probiert haben und von dem wir wissen, dass es sich nicht trägt: Wasser und unsere Füße! Das ist eine Kombi, bei der wir untergehen.
Das Wasser: Lebenswichtig ist es, aber es trägt uns nicht. Sonst könnten Kinder wie Peter auch nicht vom Sprungturm springen. Ich habe mich so manchen mal gefragt, was uns diese Geschichte über Jesus sagt. Sagt sie nur "Ich bin Gottes Sohn. Ich kann sogar auf dem Wasser laufen"? Das sagt sie auf jeden Fall. Aber für mich persönlich ist Petrus in dieser Geschichte genauso wichtig wie Jesus. Klar, im Grunde könnte man denken: Der hat es doch verbockt. Er ging unter.

Aber für mich ist entscheidend: er hatte großes Vertrauen. Doch dann ging es schief und Jesus muss ihm aus der Patsche helfen. Und mir geht es so: GENAU WEIL er gesunken ist, ist Petrus für mich so wichtig: denn da sehe ich mich selber in ihm! Und es tröstet mich, dass Petrus - immerhin ja der Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen will - dass dieser Fels, auch sinken kann wie ein Stein - und dennoch gerettet wird!

Schauen wir es uns noch einmal genauer an, denn die Geschichte ist der Knaller. Jesus hatte die Menschen entlassen und war auf einen Berg gegangen um zu beten, dort blieb er allein zurück, das sagt der Text extra.

Die Jünger waren allein schon im Boot und wollten zum gegenüberliegenden Ufer vorausfahren. Vielleicht fragte sich der eine oder andere, ob denn Jesus jetzt um den ganzen See herumläuft, oder ob er alleine über den ganzen See rudern will???

Auf jeden Fall scheinen die Jünger ewig zu brauchen und dann kommt auch noch Wind auf und bläst sie zurück ans ursprüngliche Ufer. Die Jünger sind aus der Puste, kämpfen schwer. Dann sehen sie eine Gestalt durch die Gischt und den Wind und die Wellen gehen. Das kann nicht sein! "Ein Gespenst.“ Vielleicht will es die Jünger holen und in den Schlund des Sees ziehen! Doch sie erkennen: es ist Jesus. Und er gibt sich gleich den verblüfften Jüngern zu erkennen. Wow! Welch ein Wunder!

Das hätte als Wundergeschichte schon gereicht, oder? Gottes Sohn auf Erden, was der alles kann, das ist unglaublich. Kein Mensch kann auf dem Wasser laufen, unmöglich.

Aber die Geschichte hört zum Glück noch nicht auf, denn jetzt kommen wir Menschen ins Spiel. Du und ich, die eben nicht auf Wasser laufen können, egal, wie viel Anlauf man nimmt. Du und ich, die immer wieder auf Probleme im Leben treffen. Du und ich, die Angst haben im Sturm und bei denen sich Erfolg und Misserfolg, Freude und Trauer im Leben mischen. Einfach, weil wir Menschen sind.

So einer, ist auch Petrus, auch wenn er ein besonderer Jünger ist: ein Auserwählter: der FELS der Kirche: derjenige, der alles managen soll, wenn Jesus nicht mehr auf Erden ist. Und er zeigt sich mutig. Was ihn wohl geritten hat? Er scheint es noch nicht ganz zu glauben, dass es Jesus ist. Aber wenn er es nicht wäre, warum will er dann da hin? Keine Ahnung: aber er traut sich und vielleicht will er auch Jesu Macht ein bisschen testen, denn er sagt: »Herr, Wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!«. Ganz schön mutig. So ist er wohl, der Fels Petrus. Als einziger Jünger traut er sich – er hat Oberwasser, er hat Mumm. Und Jesus sagt: "Komm!". Und tatsächlich, es funktioniert! Petrus kann es nicht fassen: als er den Fuß auf das unruhige Wasser setzt, gibt es einen Widerstand unter den Füßen: er läuft auf dem Wasser! Unglaublich! Jesus hat es wirklich geschafft. Er IST es wirklich. Doch dann streift ihn eine Welle und er spürt den Wind. Der Boden wankt und bebt. Petrus bekommt Angst. Was, wenn die Macht Jesu jetzt aus irgendeinem Grund ihn verlässt? Er würde ertrinken. Und so kommt es: er bekommt Angst und das Wasser trägt nicht mehr...und Petrus geht unter.

Diese Szene ist für mich ein Spiegelbild zu unserem Leben als Christen. Wir erleben Phasen im Leben, in denen wir Gottes Handeln erkennen können.

Wo wir richtig aufleben, durch das, was er uns schenkt. Weil wir ihn in unserem Leben förmlich sehen können und dadurch Vertrauen gewinnen.

Das ist wie die Euphorie, wenn man den Fünfmeter-Turm hochklettert. Das ist wie der Mut, den Petrus hat, als er den Fuß aus dem Boot aufs Wasser hebt.

Doch es kann uns genauso gehen, dass im Blick auf Vieles, was uns im Leben Angst machen kann oder erschüttert.

Was uns die Fassung verlieren lässt, so können wir auch das Vertrauen verlieren. Vielleicht manchmal sogar den Glauben. Wie ein Blick vom Fünf-Meter-Turm, wie der Blick auf die hohen Wellen, die auf einen zurollen. Keinem von uns bleibt es erspart, dass der Boden unter den Füßen mal weich und unsicher wird. Dann droht der Untergang, und das passiert sogar einem Felsen, wie dem Jünger Jesu, Petrus. Warum darf das dann mir nicht mal passieren?

Entscheidend ist für mich in so einer Situation: Klar, wie kann ich das verpacken, wenn der Boden sich auflöst. Aber in der Geschichte ist wichtig: wie reagiert Jesus, unser Herr? Er könnte uns ignorieren und untergehen lassen. Er könnte uns dabei noch anschreien oder sagen:
Wenn du mir nicht vertraust oder an mich glaubst, dann will ich dich gar nicht um mich haben.
Er könnte auch ein Vater sein, der vom Beckenrand auf den Fünfmeter-Turm zu seinem Sohn schreit: "Los, spring du Weichei! So habe ich dich nicht erzogen", wenn wir in die Geschichte vom Anfang zurückkehren. Nein, nein...sie wissen, was in der Geschichte der Vater am Beckenrand macht: Helfen!

Und so macht es auch Jesus auf dem See, als allererste Reaktion:
Denn, so steht im Text, kommt SOFORT(!) die Hand Jesu und er hilft Petrus. Ein bisschen enttäuscht ist er wahrscheinlich schon, nachher sagt er es ihm: wieso hat er ihm nicht vertraut? Doch das ist kein Thema mehr. In der Notsituation von Petrus hilft ihm Jesus und mit ihm an seiner Seite kann er wieder auf dem Wasser stehen, denn beide steigen in das Boot. Das heißt beide mussten auf dem Wasser stehen und laufen können. Jesus hilft ihm ins Boot.

Und dann lässt er auch gleich noch den Sturm abebben. Es ist still und sonnig im Boot. Und da steht er nun, der mutige, kleingläubige Petrus: betröppelt, tropfend, mutig, gescheitert, gerettet. Und die Jünger werfen sich nieder vor Jesus, als hätten sie es jetzt erst erfahren: »Du bist wirklich Gottes Sohn.«.
Diese Geschichte ist für mich ein Abbild, der Beziehung Mensch-Gott. Diese Beziehung lebt manchmal von Vertrauen/Glaube oder leidet am Mangel der beiden. Doch eines ist ganz wichtig: Gott lässt uns nicht untergehen, wenn wir ihm kein Vertrauen zeigen oder ihn sogar enttäuschen.

Denn das glaube ich bei allem schönen auch, dass sich Gott manchmal über mich wundert, wieso ich, bei allem, was er mir geschenkt hat, manchmal ein so Kleingläubiger Mensch bin.

Aber die Hilfe Gottes, das Erbarmen und Verzeihen mit mir Kleingläubigen, das steht an erster Stelle. Gott will immer seinen Teil der Beziehungsarbeit erfüllen und mir Mut machen. Mut, durch seine Gnade – ein Mut, der die Umstände der Welt durchbricht – der mir einen Mut gibt, den ich haben darf, weil ich weiß, dass Gott mich fängt, dass er mir das Handtuch umhängt um mich zu schützen, mir den Arm auf die Schulter legt um mich zu trösten, mich versorgt, damit ich den Schmerz vergesse. Mit diesem Mut sollte ich mich öfter trauen zu springen, Konflikte anzugehen, dem Schmerz oder meinem Schicksal oder der Einsamkeit ins Auge zu schauen und mutig und vertrauensvoll durchs Leben gehen. Das ist nicht einfach.

Und manchmal hilft es nur, Gott zu bitten, dass er dieses Vertrauen und den Glauben uns schenkt oder uns seine tröstende Hand spüren lässt.

Aber immer wieder schenkt er es, und dann kann ich Angsthase sogar vom 10 Meter Turm springen. Denn der Herr sagt, ich bin bei dir alle Tage, alle Triumphe und alle Niederlagen, jeden Bauchpflatscher und jede Punktlandung, bis ans Ende der Welt.
AMEN.