Die Pandemie als Nährboden

Predigt zum Sonntag 9.8.

Liebe Gemeinde!

Wer hätte das gedacht,
liebe weit zerstreute Gemeinde, dass es so viel Propheten gibt.
Die Pandemie scheint ein hervorragender Nährboden zu sein.
Ob in Facebook, Instagram, YouTube, in seriösen Zeitungen, oder in Boulevardblättern – überall wird prophezeit, und du kannst dir’s raussuchen,
ob du die Zukunft eher positiv, oder doch negativ erleben musst.
Und dann kommst du am Sonntag in den Gottesdienst – und…bist vielleicht nicht einmal überrascht, denn es geht um Prophetie. Nein, nicht ganz richtig,
es geht um die Person, es geht um den Propheten Jeremia.
Hören wir, was er – fernab der Pandemie – in seinem Buch,
im 1. Kapitel, in den Versen 4 – 10, berichtet:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.
„Herr, gib uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für dein Wort.“

Die Pandemie scheint ein hervorragender Nährboden für selbsternannte Propheten zu sein, liebe Gemeinde, wollen wir da eine solche Geschichte, wie die Berufung des Propheten Jeremia, überhaupt hören und bedenken?

Denn Vorsicht, diese Geschichte ist gewaltig und gewalttätig.
Man kann sie nicht konsumieren, wie einen geistlichen Impuls.
Diese Worte taugen nicht für die Wohlfühlbibelstunde und den Krabbelgottesdienst. Sie sind vielmehr das Protokoll einer elementaren und abgründigen Begegnung.
Einer Begegnung, die den Menschen mit Namen Jeremia und seine Welt (!) in ihren Grundfesten erschütterte und veränderte. Die ihn selbst und sein späteres Leben formte und auch deformierte. Ein Mensch bekommt von Gott Format.

Es spricht vieles dafür, dass Jeremia seine Berufungsgeschichte, die jetzt am Anfang seines Buches steht, erst viel später aufgeschrieben hat. Viel später, als er hineingewachsen war in dieses Leben, das Gott ihm damals offenbarte, und das alles andere als eine Wellnessveranstaltung war.
Da war er schon im Schlamm der Zisterne fast verreckt (Jer. 38); da war er schon oft verzweifelt, zum Gespött der Leute geworden; ein Mann, der sich manchmal wünschte, nie geboren zu sein; der vergessen hatte, was Glück ist und sprach:

„Dahin ist meine Hoffnung auf den Herrn!“ (Klagelieder 3,18f.).
Da hatte er schon seinem braven Schreiber Baruch Rolle für Rolle in gewaltiger Sprache diktiert. Wie eine Flamme wehten ihm die Worte vom Mund: „So spricht der Herr!“
Da hatte Jeremia schon erfahren, dass seine Botschaft keiner hören wollte; dass die Menschen zu allen Zeiten lieber etwas über Friede, Freude, Eierkuchen hören und lieber gutgelaunt dem eigenen Untergang entgegenfeiern.

Kommt mir irgendwie bekannt vor, wenn ich an die Bilder der Demonstration am vergangenen Wochenende aus Berlin denke. Das wir uns recht verstehen: Demonstration ist ein hohes Gut und unser Bürgerrecht, das uns keiner nehmen kann! Aber angesichts dieser Bilder musste unser Bundespräsident kein Prophet sein, wenn er mit den Worten reagierte: „Die Verantwortungslosigkeit einiger weniger ist ein Risiko für uns alle! Wenn wir jetzt nicht besonders vorsichtig sind, dann gefährden wir die Gesundheit vieler. Und wir gefährden darüber hinaus die Erholung unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft, unseres Kulturlebens."

O ja, Jeremia hatte es schon erlebt, dass Worte, die einer in den Mund gelegt bekommt, leicht ins Zwielicht zu bringen sind.

„Was“, sagten seine Gegner lächelnd:
„Gott legt ihm seine Worte in den Mund?
Umgekehrt ist es! Er legt Gott seine Worte in den Mund!
Erwählt haben sich viele. Keine Angst, Leute, alles wird gut!

Aber er, Jeremia, musste es kommen sehn:
Die Katastrophe, den Untergang Israels, Deportation und Exil, die rauchenden Trümmer des Tempels. Vielleicht war er nachts oft wachgelegen und sah die Gesichter der Menschen, die er liebte, wie sie noch lachten und scherzten, aßen und tranken. Und dann, wie sie dalagen, blutverschmiert und verkrümmt oder an Ketten weggeschleift durch die Wüste.

Und wir sehen – Gott sei’s gedankt, nicht in unserem Land – Patienten auf den Intensivstationen, wie sie beatmet werden, wie sie sterben und in Plastiksäcken aufgeschichtet in Kühlwagen verwahrt werden, weil man mit den Bestattungen nicht mehr nachkommt.

Für Jeremia war es das Zuendeleben einer schon unbedeutend gewordenen Welt. Und es half nichts die Augen zu schließen. Was das Gesicht des alten Jeremia zerfurchte, waren keine Lachfalten.
Nein, liebe Schwestern, liebe Brüder, ich bin kein Prophet –
Gott bewahre! Und du wahrscheinlich auch nicht.

Dennoch – den Mund auftun in Gottes Namen,
das können, sollen und müssen wir als Christenmenschen.
„Ich brauche dich!“, das sagt Gott doch auch zu mir und zu dir. Nicht jeden als Propheten, oder Prophetin. Aber als Mensch, der einen Funken göttlichen Wesens in dieser Welt ausstrahlen soll und darf. Und sag jetzt nicht: Ich bin zu jung, ich bin zu alt, ich kann das nicht!“ In deinen Ängsten und Zweifeln hör‘, was Jeremia hörte:

„Du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht! Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“
Und sei dir dabei dessen bewusst:
Gott beruft nicht immer die Begabten.
Aber immer begabt er die Berufenen.

Jeremia hält sich auch nicht für begabt oder berufen und wird zuletzt sein Amt als Prophet fast 50 Jahre ausfüllen.
Gott sagt: „Ich brauche dich!“
Liebe Glaubensgeschwister, diesen Ruf hört jede und jeder von uns sicher ganz unterschiedlich und es muss ganz gewiss nicht auf spektakuläre und übernatürlich Weise geschehen – wiewohl ich das nicht in Abrede stellen möchte.
Wenn ich von mir reden darf: Wo immer ich seinen Ruf gehört habe, waren es Menschen, die zu mir geredet haben. Habe diesen Ruf von Menschen gehört, deren Worte mich im Herzen trafen und wo ich spürte, dass diese Menschen damit nicht eigene Interessen verfolgten.
Du erkennst Gottes Wort, weil es mutig aufbegehrt gegen alles, was Menschen klein und verächtlich macht, was menschenverachtende Verhältnisse verdeckt oder gar beschönigt.
Du erkennst Gottes Wort, weil es sich für Frieden und
Gerechtigkeit einsetzt und sich davon nicht abbringen lässt.
Gott beruft nicht immer die Begabten.
Aber immer begabt er die Berufenen.

Und diese von Gott berufenen Menschen herrschen nicht über andere, sie sind unabhängig von dem, was andere meinen, zur Norm machen und vorschreiben zu müssen.
Die von Gott Berufenen lassen sich nicht einfach bevormunden – nicht von Parteien, auch nicht von Kirchenleitungen, und erst recht nicht von Marktgesetzen und sogenannten Sachzwängen.
Und wenn der Citymanager Sven Hahn aus Stuttgart von der evangelischen und katholischen Kirche enttäuscht ist, weil sie sich gegen verkaufsoffene Sonntage aussprechen, dann kann ich den Kirchen nur zusprechen, weil sie das 4. Gebot beachtet: „Du sollst den Feiertag heiligen!“     

Manchmal geschieht es, dass du gepackt wirst und spürst: Hier bin ich gefragt, hier werde ich gebraucht! Da vertraut sich dir ein Mensch an und du spürst: Jetzt bist du dran. Hier darfst du nicht kneifen.
Und du lässt dich auf das Gegenüber ein – auch wenn es mühsam ist. Von Gott gepackt, dass kann sich bis ins Politische hinein auswirken.

Immer wieder haben Menschen, die z.B. in Diktaturen viel riskierten, sich für Recht und Freiheit einsetzten und das kommende Unheil voraussahen, Jeremia als Vorbild und Verbündeten entdeckt.
Und wenn mich nicht alles täuscht, durchleben die Demokratie und der freiheitliche Rechtsstaat in vielen Ländern ihre größte Krise seit den faschistischen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Jetzt braucht es Menschen, die etwas von Jeremias scharfem Durchblick haben. Die sich nicht in falscher Sicherheit wiegen, sondern klar erkennen: Hier steht viel auf dem Spiel! Unsere freiheitliche Demokratie ist in Gefahr, denn es gibt immer stärkere politische Kräfte weltweit, die sich der Möglichkeiten der Demokratie und des Rechtsstaats bedienen, nur um sie zu zerstören.
Gott beruft nicht immer die Begabten.
Aber immer begabt er die Berufenen.

Liebe Schwestern und Brüder, lasst es mich so sagen:
Der Heilige Geist ist der beste Freund des gesunden Menschenverstandes. Und wer mit den Augen Gottes sehen muss, dem tun manchmal nicht nur die Augen weh.
Und das hat einen ganz einfachen Grund: Gott selbst ist unser mitfühlender, mitsehender und mitleidender Zeitgenosse.
Er ist es, ehe wir im Mutterleibe bereitet und von unserer Mutter geboren wurden.
Er ist es, der dir und mir unüberbietbar nahe ist in unserem Menschenbruder Jesus von Nazareth, dem Christus am Kreuz.
Lachfalten sind von ihm nicht überliefert.

Auch nicht von Jeremia, der das Ende der Geschichte Israels vor Augen hat und Gottes Heil, das in unendlicher Ferne lag. Aber seine Worte blieben erhalten!
Nur verständlich, seine Einwände von damals: „Ich bin zu jung, ich stelle nichts dar, ich bin nur Möglichkeit, keine Bestimmung.“
„Macht nichts, sagt Gott, dein Leben hat und bekommt in mir Format. In den Glauben und in meine Geschichte muss du hineinwachsen wie in dein narbenscheckiges Leben.
„Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh. 8/31), sagt Jesus zu seinen Jüngern 600 Jahre später.

Es gibt keine größere Gnade, als in Gottes Geschichte eine Rolle zu spielen und in ihr Format zu haben, wie Jeremia, wie Du und ich.

Die Pandemie scheint ein guter Nährboden für selbsternannte Propheten zu sein!
Wir sind keine Propheten, sondern sind von Gott Berufene, die nicht nach dem fragen, was sich rechnet, sondern nach dem, was in Gottes Augen zählt. Und so unbeirrbar sie für ihre Überzeugungen eintreten und kämpfen, so wenig sind sie abhängig davon, dass sie Erfolg haben. Denn was letztlich aus dem wird, wozu sie sich berufen wissen, das können sie dem überlassen, der sie gesandt hat.  Amen.

Pfr. i. R. Wolfgang Fingerle
 

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