Die Weisen aus dem Morgenland

Predigt zum 6. Januar 2021 von Pfarrer i.R. Jürgen Quack

Liebe Gemeinde,

der Predigttext (Matthäus 2, 1-12) ist eine seltsame Geschichte. Schon für ersten Christen war es eine rätselhafte Geschichte. Was waren das für Gestalten aus dem Morgenland, die da in Bethlehem auftauchten – und dann nie wieder in der Bibel erwähnt werden?

Sie suchten die Antwort auf diese Frage im Alten Testament – und fanden dort auch mehrere Bibelstellen, die ihnen weiterhalfen.

Zum Beispiel den 72. Psalm, den wir vorhin gehört haben. Er hat in unserer Bibel die Überschrift „Der Friedefürst“.

Von diesem ersehnten Friedefürst heißt es da: „Er soll den Elenden im Volk Recht schaffen und den Armen helfen und die Bedränger zermalmen.“ (V. 4)  „Er soll herabfahren wie der Regen auf die Aue, wie die Tropfen, die das Land feuchten.“ (V. 6) „Zu seinen Zeiten soll blühen die Gerechtigkeit und großer Friede sein.“ (V. 7)  Und zum Schluss heißt es: „Die Könige von Tarsis und von den Inseln sollen Ge¬schenke bringen, die Könige aus Saba und Scheba sollen Gaben senden. Alle Könige sollen vor ihm niederfallen und alle Völker ihm dienen.“ (V. 10f).

Ähnlich sagt der Prophet Jesaja: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.  … Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.“ (Jes 60, 1-3.6b)

Und so wurde es schon den ersten Christen bald klar: diese Weisen aus dem Morgenland, das waren die schon lange verheißenen Könige der Völker, die zum neugeborenen Friedenskönig kommen.

Und woher kommt die Überlieferung, dass es drei Könige gewesen seien und nicht zwei oder fünf oder noch mehr? – Das kommt von den drei Geschenken: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Denn die Christen meinten, jeder König habe wohl sein besonderes Geschenk mitgebracht, daher müssten es drei gewesen sein.

Und warum gerade diese drei Geschenke? Warum Gold, Weihrauch und Myrrhe? Da gibt es viele Vermutungen, z.B. die sehr bodenständige Ansicht: Gold, weil die Familie von Joseph und Maria arm war, Weihrauch, weil es im Stall wohl gestunken hat und Myrrhe als Arznei für den Fall, dass das Kind krank würde.

Meistens aber hat man sich an eine mehr theologische Deutung gehalten: das königliche Gold, weil hier ein Friedenskönig geboren wurde; Weihrauch, das schon damals bei Gebeten und Opfern entzündet wurde und dessen Wohlgeruch zu Gott emporstieg, als Zeichen seiner Verbindung zu Gott; und Myrrhe, das damals nicht nur als Arznei verwendet wurde, sondern mit dem auch die Toten einbalsamiert wurde, entweder als Kennzeichnung des Heilers und Heilands, oder als Hinweis auf seinen Tod am Kreuz.

Jedenfalls war schon den ersten Christen klar: diese kurze Geschichte ist ein ganz wichtiger Wendepunkt in der Heilsgeschichte Gottes: jetzt geht es nicht mehr nur um das Volk Israel, sondern jetzt geht es um die ganze Welt, die ganze Schöpfung, um alle Menschen, die alle von Gott ihr Leben haben. Und diese Weisen aus dem Morgenland, diese heiligen drei Könige waren die ersten, die diese Botschaft in alle Welt hinaustrugen.

So hat man sie auch bald in den bildlichen Darstellungen und in den frommen Legenden als Repräsentanten der drei damals bekannten Erdteile dargestellt: einer aus Asien, einer aus Europa und einer aus Afrika. Und diesem Repräsentanten Afrikas hat man später auch eine schwarze Hautfarbe gegeben.

Diese Vision aus dem Matthäusevangelium, dass Menschen aus der ganzen Welt Gott anbeten, ist heute zu einem Teil Wahrheit geworden. In allen Ländern und Kontinenten feiern Menschen das Weihnachtsfest und erinnern sich, dass Gott selber in diesem Kind, in diesem Mann zu uns gekom-men ist. Sie kommen zur Krippe, danken Gott für alle seine Gaben und bringen ihre Klagen und Sorgen zu ihm.

So will ich nun einen großen Zeitsprung machen – von der Zeit des Augustus und des Cyrenius in die Zeit von Trump und Putin, von damals zu heute. Und tue jetzt einmal so, als sei dieser Mann aus Asien ein Christ aus der heutigen Zeit: ein Christ aus China. Und frage ihn, was er dem Kind in der Krippe an Klage und Lob, an Bitte und Dank zu sagen hat. Nennen wir ihn Li Pin.

Und Li Pin beginnt mit dem Lob Gottes und dem freudigen Bericht, dass trotz aller Bedrückung und Überwachung durch den Staat die Kirche in China weiter wächst. Und er bittet Jesus um Weisheit für die Christen in China bei der schwierigen Aufgabe, der Regierung immer wieder klar zu machen, dass die Christen gerne beim Aufbau des Landes und der Fürsorge für die Armen und Kranken mitwirken und mit dem Staat zusammenarbeiten wollen, aber auch ihren Glauben frei leben wollen.

Auf meine Frage nach einem Beispiel für solche Form der Zusammenarbeit nennt er die Bibeldruc-kerei in Nanjing. Die Regierung hätte die Erlaubnis für den Bau der Bibeldruckerei gegeben, als die Kirche anbot, auf dem speziellen dünnen und haltbaren Papier für die Bibeln auch Telefonbücher für die Allgemeinheit zu drucken.

Und dieser Vertreter Afrikas, nehmen wir an, er käme aus Nigeria. Nennen wir ihn Musa Filipus. Als erstes weint er und klagt an der Krippe. Er berichtet vom Terror der Boko-Haram Gruppe. Hunderte Menschen wurden umgebracht, Tausende wurden entführt oder sind aus ihrer Heimat geflohen. Er erzählt mir, dass den Christen in Nigeria ganz wichtig ist, dass zu der Weihnachtsgeschichte auch der Bericht vom Kindermord in Bethlehem durch die Schergen des Herodes gehört – mitsamt der Flucht von Maria, Josef und dem Gotteskind nach Afrika. Sie wissen, Jesus, ja Gott selbst kennt Mord und Flucht, Vertreibung und Asyl. Er kennt ihr Leiden aus eigener Erfahrung, er leidet mit ihnen.

Aber er berichtet auch, dass an vielen Orten durch den Terror von Boko Haram Christen und Muslime ganz neu zueinander gefunden haben. Denn die normalen Muslime leiden unter dem Terror genauso wie die Christen. So haben sich an manchen Orten Christen und Muslime zusammengesetzt und geschaut, welche Friedensbotschaft ihre je eigene Religion hat.

Dabei haben manche Christen zum ersten Mal die Geburtsgeschichte Jesu gehört, wie sie im Koran steht. Dort wurde Jesus nicht in einem Stall geboren, sondern die Jungfrau Maria hat ihn in der Wüste unter einer Palme geboren. Er selber, Musa Filipus, hätte bei solch einem Gespräch zum ersten Mal erfahren, dass auch für die Muslime Jesus von einer Jungfrau durch ein Wunder Gottes geboren wurde. Und dass Maria 34 mal im Koran erwähnt wird – öfter als im Neuen Testament.  So bringt er nicht nur seine Klage zur Krippe, sondern auch seinen Dank für neue Anknüpfungspunkte für Gespräche mit Muslimen, um ihnen zu erzählen, warum die Christen Weihnachten feiern.

Die Zeit fehlt uns, um den dritten Weisen oder König, der für Europa steht, zu befragen, was er dem Christkind zu sagen und zu bringen hat. Aber Sie können sich ja alle selber in die Person dieses Königs versetzen und überlegen, wofür Sie zu danken haben und was Sie bitten wollen. – Ich jedenfalls würde ihn bitten, mir Mut und Weisheit zu schenken, damit ich besser bezeugen kann, dass er ein Friedenskönig ist, der Frieden in die Herzen und Frieden unter die Völker bringen will. Amen.

Pfarrer i.R. Jürgen Quack

 

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"Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint schon." | 1. Joh 2,8b
 

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