Du sollst ein Segen sein

Predigt zum Sonntag 7.6.

Liebe Gemeinde!
Wir leben in einer entzauberten Welt. Das macht vieles vernünftiger, klarer, moderner. Wir leben in einer entzauberten Welt und machen es Scharlatanen schwer, uns ein X für ein U zu verkaufen. Wir machen es damit allerdings auch Gott nicht gerade leichter, sich uns im Denken und Fühlen und Glauben mitzuteilen.
 
Jetzt ist Gott kein Zauberer im landläufigen Sinne. Aber wenn wir von ihm sprechen, merken wir, da ist und da bleibt einfach etwas Verborgenes, Geheimnisvolles. Etwas, das der Welt entzogen ist und trotzdem in sie hineinreicht. Weil das so ist, ist eine Religion am Ende nicht nur Kopfsache.
 
Eine Religion ist Denken und Fühlen zugleich.
Denken ist ja erstmal gut. Nicht in so eine religiöse Gefühlsduselei zu verfallen, die allen Verstand ausschaltet. Davon halte zumindest ich nichts.
Gerade Christenmenschen haben so sehr über Gott nachgedacht, dass wir das mit Abstand differenzierteste Gottesbild und die am kompliziertesten klingenden Dogmen aller Religionen haben. Heute, an Trinitatis, kommt das gut zur Geltung.
 
Am Ende durchgedacht, ist unser Gott, dreifach, dreieins, dreidi-mensional. Er wirkt wie ein Vater vom Himmel herab. Er hat sich in Jesus Christus konkret gezeigt, und er wirkt fort, unter uns, durch seinen Geist. Wie das genau zusammenhängen kann, da stößt dann unser Denken allerdings auch an eine natürliche Grenze.
 
Gott und der Glaube, da bleibt immer etwas Bezauberndes. Und wenn er uns anschaut, wie vom Himmel herab oder aus der Schöpfung heraus, und wir schauen zurück, wenn uns ein Wort Jesu trifft oder uns der Geist um die Nase weht, wenn uns der Kopf vom dreifachen Nachdenken raucht, wir aber trotzdem Gott einfach an unserer Seite wissen, wenn da kurz Kraft fließt und wir fangen sie auf, dann ist das ein Segen.
 
Darum geht es heute. Segen. Auch so eine Sache, die man nur halb erklären kann (4. Mose 6, 22 - 27):
22 Und der Herr redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
24 Der Herr segne dich und behüte dich;
25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
 
Das sind sicher für viele keine unbekannten Worte. Oft werden sie am Ende eines Gottesdienstes gesprochen. Ein Zuspruch, ein Wunsch: „Gott segne dich.“ Gott sagt: „Ihr sollt meinen Namen auf die Menschen legen, damit ich sie segne.“
Gott segnet die Menschen.
 
Ganz am Anfang, in der Urzeit, in den ersten Geschichten, da heißt es: Gott schuf die Menschen. Er schuf sie zu seinem Bilde. Er sah, dass es gut war. Und er segnete sie. Segnen heißt: Gott spricht den Menschen alles zu, was sie brauchen. Er spricht das Leben und er spricht die Menschen gut. (Das kann man noch im Lateinischen sehen, wo segnen benedicere heißt: Gut sagen.) Gott überträgt etwas von seiner Kraft auf die Menschen, damit sie das Leben leben können. Und wir wissen, da kommen dann zum Guten auch ganz schnell Schweiß und Blut und Tränen. Es stellt sich heraus: Der Mensch greift nach höheren Früchten. Der Mensch will selbst entscheiden; das kann er auch um Gottes Willen, aber da geht dann eben auch manches schief im Leben. Ganz klar. Blut und Schweiß und Tränen eben. Und wenn es so kommt, gerade dann brauchst du viel Kraft. Dann brauchst du Segen. Da reichen kluge Gedanken alleine nicht. Dann brauchst du den Zauber aus der anderen Dimension. Wie willst du sonst überleben?
 
Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Auch das hat Gott gesagt. Ursprünglich zu Abraham, aber der Name ist am Ende austauschbar. Gemeint hat Gott damit, dass wir Segen weitergeben können. Wir können auch andere gut reden.
Man kann natürlich auch alles schlecht reden! Aber das muss ja nicht sein. Und wir sind auch nicht dazu verpflichtet. Wir können auch gut reden: „Mach‘s gut!“ Oder: „Gott behüte dich!“ Segen fließt. In uns und auch durch uns.
  
Und da gibt es viele Augenblicke im Leben, in denen wir gefragt sind, in denen Segen durch uns fließen kann. Wir müssen nur unsere Augen und unser Herz öffnen.
 
Ein Mensch ist in seinen Sorgen gefangen, dreht sich im Kreis, erstickt fast darin. Die Sorgen rauben ihm den Schlaf. Welch eine Wohltat, wenn es jemanden gibt, der oder die einfach die Hand reicht, oder die Hand ganz sachte auf die Stirn des in Ängsten Gefangenen legt. Ich bin bei dir, ich lasse dich nicht allein. Gottes Segen gibt dir durch Kraft und Mut, nicht in deinen Ängsten zu verharren.
 
Ein Segen ist damit kein Schlafmittel. Es wirkt nicht wie eine Tablette. Die Angst kann wiederkehren, aber nicht im Moment des Segnens. Dieser Moment hat wahr gemacht, was mein Nächster gerade gebraucht hat: Du bist nicht allein.
 
Ein Segen ist auch keine Zauberformel. Wenn ich ein Brautpaar in der Kirche segne, dann spreche ich Ihnen durch den Segen den Schutz Gottes zu. Trotzdem ist und bleibt Liebe zerbrechlich. Aber genau deshalb spreche ich sie gut. Denn es ist grundsätzlich wahr und kann immer wieder wahr werden: Gott schützt die Liebenden.
 Ein Segen ist keine Garantie, dass alles gelingt. Dass der Wind immer nur im Rücken ist und der Weg immer schön eben. So geht Leben (auch in Irland) nicht. Aber gerade, wenn es anders kommt, tut Segen gut. Und dann gilt es, den Segen, egal wer ihn uns zuspricht, anzunehmen mit der Offenheit eines Kindes.
Und wer das Reich Gottes nicht empfängt oder annimmt wie ein Kind, wird ja nicht hineinkommen, gibt Jesus immer wieder zu bedenken. Wir kommen also gar nicht drum herum, sondern müssen sowieso werden wie die Kinder.
 
Bei einer Beerdigung wird auch immer ein Segen gesprochen, für den oder die Verstorbene und für die Angehörigen.
 
Ein Segen nimmt die Trauer nicht weg. Tot bleibt tot und ein gesprochener Segen kann nicht einfach wieder zum Leben erwecken. Das kann nur Gott selbst. Die Trauernden haben noch einen weiten Weg vor sich und manche Träne muss vielleicht auch noch geweint werden, bis wieder Hoffnung und Zukunft kommen. Aber der Segen kann helfen, loszulassen und den Verstorbenen ganz in Gottes Hand zu geben.
 
Segnen heißt nicht, etwas gut reden oder gutheißen, was nicht gut ist. Segnen meint auch nicht absegnen wider besseres Denken und Wissen. Segnen heißt liebevoll ansehen. Den Menschen hinter der Angst, auf der Suche nach Liebe, in der Hoffnung auf Schutz, auf dem Weg aus der Trauer. Das macht der Vater im Himmel, wenn sein Angesicht leuchtet oder sich über uns erhebt. Das hat Jesus gemacht, als er die Menschen gut- und starkgeredet hat. Und dass auch wir dazu fähig werden, das gibt der Heilige Geist. Gott segnet, wir können weitergeben. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen

Pfarrerin Ursula Heller
 
 
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Wochenspruch
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. (2. Korinther 13,13)
 

Lieder

  • NL 60, 1 – 4 „In der Stille angekommen“
  • NL 44, 1 + 3 + 6 „Gott dein guter Segen“
  • EG 331,9-11 „Sieh dein Volk in Gnaden an“
  • NL 74, 1 – 4 „Shalom“