Gott, sei mir Sünder gnädig!

Predigt zum Sonntag 23.8.

Liebe Gemeinde,

was sind das nur für Leute, die jetzt noch in Risikogebiete fahren und unser Zusammenleben gefährden. Was sind das für Idioten, die einen abfeiern und einen neuen Lockdown provozieren. Was sind das nur für Typen, die gegen Coronamaßnahmen demonstrieren und das mit Rechtsnationalen?
Es gibt Dinge, die würde ich nie machen. Ich bin anders, besser als diese anderen. Und ich habe Recht im Namen des Volkes, auch im Namen Gottes.
Gibt es was dagegen zu sagen?

Da gab es diesen Jesus, der hatte immer was zu sagen. So gut wie jeder kennt diese Geschichte vom Pharisäer und Zöllner. Eine ärgerliche Geschichte, dennoch sehr beliebt bei vielen. Denn sie gibt bestimmten Leuten Argumente für ein eher ungeordnetes Leben.

Aber hören Sie selbst: Predigttext Lukas 18,9-14

Jesus sagte zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.

Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Pharisäer und Zöllner. Manchmal denkt man, es gibt nur diese zwei Sorten von Menschen. Die einen, die Recht haben (wollen) und die anderen, die darauf verzichten. Wobei einem die letzteren oft lieber sind.
Der Pharisäer kommt schlecht weg. Er ist zu einem Schimpfwort geworden. „Du Pharisäer, du!“ „Du glaubst, du bist was Besseres!“ „Schau doch mal in den Spiegel!“ Was sieht er da? Er sieht einen Menschen, der sich bemüht, rechtschaffen zu leben. Er fastet zweimal die Woche, das heißt, er schränkt sich zwei Tage ein, verzichtet, um nicht zu viel zu verbrauchen, um frei zu werden von den Dingen. Er gibt Spenden, zehn Prozent von allem, was er einnimmt, also nicht nur vom Lohn, auch von Mieten, Zinsen, Aktiengewinnen und sonstigen Einnahmen. Überschlagen Sie mal, wie viel das bei Ihnen wäre. Er hält sich an die Zehn Gebote und kennt das Gebot der Nächstenliebe.
Ganz anders ist dieser Zöllner einzuschätzen. Er arbeitet für die Besatzungsmacht gegen sein Volk. Er kassiert Steuern und betrügt dabei. Er nimmt zu viel, damit mehr für ihn bleibt. Das ganze Zoll- und Steuersystem ist ungerecht angelegt. Nächstenliebe kennt er auch, aber wohl eher so wie wir sie bei heutigen Clans vermuten. Nächstenliebe beschränkt sich auf die Familie. Mit seinen Freunden lässt er es auch mal krachen. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ungeniert.
Immerhin ging er in den Tempel, um zu beten. Er stellte sich nicht vorne hin, wo ihn alle sehen könnten. Er bleibt hinten, unauffällig.
Das macht ihn für manche schon sympathisch. Er drängt sich nicht in den Mittelpunkt wie dieser andere, der Pharisäer.

Unsympathisch macht den Pharisäer, dass er betet: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie andere.“ Er erhebt sich über andere, irgendwie damit auch über mich, wohl weil ich spüre, er ist mir moralisch überlegen.“ Das ist unangenehm.
Der Pharisäer will gesehen werden. Er will wahrgenommen werden in dem, was er tut, vermutlich von allen anderen Tempelbesuchern und vor allem auch von Gott. „Hier Gott bin ich, ich tue, was du willst und dein Gesetz fordert. Du musst mich anerkennen.“ Er ist sich Gottes Anerkennung sicher, denn er ist ja besser als andere. Er braucht gar keine Antwort Gottes. Er gewinnt seine Selbstachtung durch den Vergleich mit anderen. Das hält ihn stabil und senkrecht. (Ich spüre eine gewisse Kälte.)
Der Zöllner ist da anders. Er weiß, was andere über ihn denken. Er hat keinen Grund, sich über andere zu erheben. Er schaut in sich und erkennt, dass er ein Sünder ist. Er traut sich nicht den Blick zu erheben.
Das spricht für ihn. Er erwartet keine Anerkennung für sein Verhalten, er hofft auf Gnade. „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“ Das hatte Jesus mal gesagt. Niemand ist ohne Schuld, so wirft auch Gott nicht mit Steinen, sondern anerkennt die Haltung und die Einsicht des Zöllners. Er richtet ihn auf. Jesus mochte diese Art. Er saß öfters bei Zöllnern und Sündern. Sie brauchen Hilfe.

Der Pharisäer braucht der keine? Ist der schon zu verhärtet? Oder besteht die Sehhilfe für ihn in dem Hören der Geschichte? Die könnte selbstgerechte Pharisäer ins Nachdenken bringen. Pharisäer sind ja nicht dumm. Sie könnten aus der erzählten Geschichte lernen und ihr Verhalten gegenüber Anderen und Gott überdenken.
Denn unstrittig ist, der Pharisäer verhält sich sonst im Leben vorbildlich. Mit seinem Handeln, zehn Prozent spenden, würden wir Hunger und Not besiegen, Ungerechtigkeit würde beendet werden, Verbrechen und Scheidungszahlen sinken. Gut will der Mann in seinem Leben sein, anerkannt und lobenswert. Wer will das nicht?

Was mich an der Geschichte doch ärgert. Was ist nun mit dem Zöllner? Sich selbst erniedrigen, demütig in die Ecke stellen, das klingt ohne Veränderung des Lebenswandels schleimig. Das mag ich gar nicht. Menschen, die so demütig im Tempel den Blick senken, aber draußen andere übers Ohr hauen.
Da gab es diesen anderen Zöllner, der nach der Begegnung mit Jesus, sein Leben änderte, Unrecht wiedergutmachte, Geld zurückzahlte, das er zu viel genommen hatte. Er hat mit Jesus fröhlich gefeiert.
Gerne hätte ich das von diesem Zöllner auch gelesen. Es bleibt offen.
Es bleibt so offen wie beim Pharisäer und den Zuhörenden, auch sie hätte nun Grund ihr Leben zu ändern. Jesus erzählt das Gleichnis einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern.
Was sie nach dem Hören der Geschichte tun, bleibt offen.
So offen wie das, was Sie und was ich nach dem Hören des Gleichnisses tun werden?
Finde ich die Kraft mein Leben zu ändern, wo es falsch läuft. Etwa da, wo ich mich über andere erhebe, statt auf mich selbst schauen. Wir haben natürlich Recht, wenn wir über die Reisenden uns ärgern, die Corona mitbringen. Aber macht uns der Verzicht auf Reisen zu besseren Menschen als andere? Ich vermute, wir haben andere Schwachpunkte.
Es ist anzunehmen, dass der Pharisäer auch weiß, dass alle Menschen Sünder sind, Fehler haben, seit Adams Vertreibung aus dem Paradies. Er kennt die Schrift. Aber er schaut nicht auf seine Fehler, sondern nur auf die der anderen und erhebt sich über sie.

Stattdessen beten: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Das ist ein Anfang. Aber worin sehe ich meine Sünde? Wie kann ich mich ändern, wenn es sich um Schuld gegenüber anderen handelt?

Manchmal sind wir Zöllner, manchmal Pharisäer, beide Sünder. Ich vermute, wir sind beides.

Es ist der Kampf um Wahrnehmung und Anerkennung. Auch der Zöllner ist bemüht um Anerkennung und Wahrnehmung durch Gott durch sein Bekenntnis als Sünder, trotz seines fragwürdigen Lebenswandels.
Beide haben das gleiche Anliegen, geliebt zu werden, wahr- und angenommen zu werden. Das ist ein Ziel von uns allen, auch der Täufling sehnt sich von klein auf danach. In der Taufe sagen wir, Gott, nimm den kleinen Jonathan an als dein Kind. Nimm das Kind wahr.

Wahre Liebe ist da, wo man nicht wegen seinen Taten und seinem Verhalten geliebt wird, sondern einfach als Mensch, der man ist, als der, der so ist, wie er ist.
Wo ich so wahr- und angenommen werde, da fühle ich mich wohl. Oder wie Jesus sagt, da bin ich gerechtfertigt, da habe ich meine Würde als Mensch.
Amen.

Pfarrer Bernd Küster
 

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