Gründonnerstag 2020

Liebe Gemeinde,
Corona gibt vor, was wir tun und lassen sollen. Nicht möglich sind Abendmahlsfeier. Und das ausgerechnet jetzt, wo wir Gründonnerstag und Karfreitag begehen, die Feiertage mit den wichtigen Abendmahlsfeiern im Gedenken an den Leidensweg Jesu.

Es fällt schon so vielen schwer, dass Berührungen und Gemeinschaft nicht möglich sind wie vor einem Monat. Und jetzt Gemeinschaft nur aus der Ferne auch in Gemeinden. Andererseits kennen wir das, wenn wir uns mit Christen aus anderen Ländern verbunden fühlen. Der Geist Gottes verbindet uns ohne jede Hilfsmittel. Wir sind verbunden im Gebet, in Liedern und im Wort Gottes.

So begehen wir dieses Jahr die Passionszeit. Sie ist für viele von uns zu einer Leidenszeit geworden mit Ängsten, Sorgen, Krankheit und Trauer.

Ich wünsche Ihnen, dass sie in dieser Zeit nicht darin untergehen. Möge Gott und „gute Mächte“, wie Familie, Freunde und Nachbarn, allen beistehen, die Schweres zu tragen und bewältigen haben.
                                                  
Ihr Pfr, Bernd Küster


Ungewohnte Zeiten bringen Ungewohntes
So wage ich für Gründonnerstag, Ihnen keine eigene Predigt zu senden, sondern die eines mir unbekannten Pfarrers namens Michael Becker, dazu Gedanken von Otto Weymann.

Gründonnerstag
Das Wort kommt vom altdeutschen 'greinen', also weinen. Gründonnerstag ist der Tag vor Karfreitag. Dieser Tag erinnert an die Einsetzung des Abendmahls durch Jesus. Im Mittelpunkt des Gründonnerstags stehen das letzte gemeinsame Mahl von Jesus und seinen Jüngern, der Verrat Jesu durch den Jünger Judas und die Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane. Im Mittelalter wurden an diesem Tag die von der Kirchengemeinde ausgeschlossenen Mitglieder, die vor der Kirchentür standen, wieder in die Gemeinde aufgenommen.

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Predigttext
Der HERR sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. (Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen.) Ihr sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s essen, und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. (Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen.) Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen. So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung. (2. Mose 12,1-14)

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Erste Gedanken
Eine sehr dunkle Erzählung ist das. Wir lesen Wörter und Taten Gottes, die wir sonst kaum mit Gott in Verbindung bringen: Strafgericht, töten der Erstgeburt bei Mensch und Vieh. Es fließt viel Blut; und es ist viel Blut an den Häusern, die verschont werden. Keiner von uns weiß, ob es so geschehen ist; wir wissen aber, dass Gott sein Volk schützt, auf seine Weise. Es ist, als breite Gott seinen Segen aus über die Seinen.
Mit dem Blutvergießen Jesu soll solches Blutvergießen ein Ende haben. Es gibt keine christliche Rechtfertigung von Krieg. Es gibt keine Rechtfertigung für gewalttätige Rache. Gott will keine Blutopfer. Er will, dass wir leben, dass alle im Frieden leben.     

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Denkanstöße
Gott hat der Hoffnung einen Bruder gegeben. Er heißt Erinnerung.
Michelangelo (1475–1564)
 
Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören.
Dietrich Bonhoeffer (1909-1945)
Heute vor genau 75 Jahren wurde er von den Nazis hingerichtet.

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Predigt von Michael Becker: Ein Fest für die Hinwegeilenden
Liebe Gemeinde,

es klingelt. Leo macht die Tür auf und ist überrascht: „Roosje du?“ – „Ja, ich!“ –„Willst du reinkommen?“ – „Nein, Leo, ich bleib lieber im Regen stehen. Leo du siehst schlecht aus. Das find ich gut!“ Was ist das denn? Wie kann man nur so frech, so unverschämt sein? Das ist wirklich passiert.
 
Aber kennen sie die Vorgeschichte? Roosje war sogar mal mit Leo in den 1930er-Jahren verheiratet. Sie war Tänzerin und Leo auch. Sie haben zusammen eine sehr berühmte Tanzschule in den Niederlanden betrieben und modernste Tänze aufgeführt. Roosje war Jüdin und Leo schloss sich immer mehr der nationalsozialistischen Bewegung in den Niederlanden an. Es kam zur Trennung. Und schließlich war es Leo, der seine Exfrau denunzierte und verriet. Roosje wurde verhaftet und später nach Auschwitz deportiert.
 
„Mich kriegen sie nicht klein“, dachte sie, als ihr nach der Selektion in Auschwitz die Haare geschoren wurden. Sie kam in den „medizinischen“ Block, wurde zwangssterilisiert und musste an den Gaskammern arbeiten. Roosje – man kann es kaum glauben – tanzte in den Baracken von Auschwitz-Birkenau, bekam dafür Brot, das sie in der Baracke teilte. Sie dichtete, schrieb verbotenerweise ein Tagebuch, führte Sketche auf und gab sogar den SS-Offizieren Tanzunterricht. „Im Nachhinein betrachtet, war es geradezu ungeheuerlich: Ich unterrichtete die SS-Leute in Auschwitz in Benimmfragen!“, schrieb sie in ihr Tagebuch.
 
Nicht nur wegen ihres kühnen und unbeugsamen Willens, auch weil sie Glück hatte, überlebte sie Auschwitz. Um die Erlebnisse zu verarbeiten, besuchte sie später KZs und all die Stellen, die mit ihrer Verfolgung und Inhaftierung zu tun hatten. So besuchte sie auch ihren Denunzianten und Verräter Leo.
 
„Leo, du siehst schlecht aus, das find ich gut!“ Klingt das jetzt nicht schon etwas anders in Ihren Ohren? Verstehen Sie jetzt, warum Roosje so reagiert hat? Sollte sie denn sagen: „Schön, dass jetzt alles vorbei ist. Jetzt ist alles wieder gut. Vergessen wir, was gewesen ist.“ So entsteht keine Gerechtigkeit. Roosje hat Leo angezeigt. Er wurde wegen Verrats und seiner Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Bewegung nach dem Krieg für ein Jahr inhaftiert. Das finde ich gut! Das gibt dem Opfer recht.
Diese Geschichte steht in dem Buch „Die Tänzerin von Auschwitz“ von Paul Glaser, dem Neffen von Roosje. Ich musste an ihre Geschichte denken, als ich die Erzählung vom ersten Passafest und dem Aufbruch der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft las. Auch hier wird aus der Sicht der Opfer erzählt. Vielleicht sind Sie, liebe Gemeinde, auch voller Unverständnis an der Stelle hängen geblieben, als die Israeliten ihre Türpfosten mit Blut von einem fehlerlosen Lamm bestreichen sollten, damit Gottes Strafgericht sie nicht trifft, während die Erstgeburten der Ägypter getötet werden sollten. Wie grausam!
 
Es ist eine Geschichte, erzählt aus der Sicht der Opfer, die nach Gerechtigkeit schreien, nachdem so viel unschuldiges Blut geflossen und Unrecht geschehen ist.
 
Sie kennen die Vorgeschichte noch. Der ägyptische Pharao ließ anordnen, alle männlichen hebräischen Erstgeburten zu töten, damit das Volk der Israeliten nicht zu groß würde. Mose wurde deshalb in einem Binsenkörbchen auf dem Schilfmeer ausgesetzt, damit er eine Chance hatte zu überleben. Auf die vielen Plagen hatte der Pharao nicht gehört. Jetzt soll das Volk der Israeliten endlich ausziehen und befreit werden.
 
Es bleibt ein Unbehagen. So wird doch die Welt nicht erlöst, dabei schreit sie, wie auch in Roosjes Geschichte, nach Gerechtigkeit. Kaum auszuhalten dieser Wechsel zwischen Vernichtung und Befreiung, zwischen Leben und Tod, zwischen Grausamkeit und Rettung. In dieser Situation heißt es: „Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des Herrn Passa.“ „Hinwegeilende“ sein, bereit zum Aufbruch aus der Sklaverei. Passa – so übersetzen es einige – bedeutet „Vorrübergehen, hinwegeilen“. Passa – das Fest der Hinwegeilenden.
 
„Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn, ihr und all eure Nachkommen.“ Genau das tun die Israeliten, als sie diese Erzählung vom ersten Passa aufschreiben. Jetzt befanden sie sich wieder in Abhängigkeit, im Exil. Diesmal in babylonischer Gefangenschaft. Sie feiern trotzdem, wie der Herr gesagt hat, dieses Fest der Befreiung. Sie erinnern sich an die Grausamkeiten und die Rettung aus ägyptischer Gefangenschaft. Mit dem Passafest feiern sie mitten im Exil die Befreiung. Sie erinnern so stark, dass sie sich selbst wie Befreite erfahren. Sie umgürten ihre Lenden, ziehen sich ihre Schuhe an, nehmen den Stab in die Hand, essen im Aufbruch. Eindringlich erleben sie die Befreiung nach und neu. Sie war möglich und sie ist wieder möglich; nicht weil sie selbst es waren, noch ihre Vorfahren, sondern Gott, der vorrüberging und sie herausführte. Das Passafest bewahrt nicht nur diese Hoffnung auf Befreiung aus der bedrückenden Realität, sondern spornt sie neu an. Lasst uns „Hinwegeilende“ werden. Jetzt. Bereitet euch vor!
 
Wieder ist es eine bedrückende Situation. Der Druck ist übergroß, die Grausamkeiten nehmen zu, Verrat liegt in der Luft, Unheil steht bevor, als nun Jesus mit seinen Freunden das Passamahl feiert. Auch er erinnert sich mit seinen Jüngerinnen und Jüngern an die Geschichte, an diese Rettung durch Gottes Eingreifen, der dem Ohnmächtigen wieder zur Mächtigkeit verhilft, den Opfern ihr Recht zurückgibt, den Gebundenen sagt: Seid „Hinwegeilende“. Von gemütlicher Gründonnerstagsatmosphäre bei Kerzenschein ist da nichts zu spüren. Wieder geht es um Leben und Tod, um Befreiung und Vernichtung. – „Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn.“ Jesus bleibt in der Hoffnung seiner Glaubensvorfahren, nimmt ihre Tradition auf. Sein Blut soll nun das Zeichen der Versöhnung sein, das uns schützt. Sein Leib ist das Brot, das zum Aufbruch aus den versklavten Abhängigkeiten und den fesselnden Ketten stärkt. Solches tut zu meinem Gedächtnis. Wer solches tut zu seinem Gedächtnis, verleibt sich Hoffnung und Zuversicht ein, wird berührt von dem kommenden Reich Gottes, das Jesus verkündigt und mit sich bringt. Deshalb feiert diesen Tag als Fest des Herrn, zu meinem Gedächtnis.
 
Wie oft finden die Opfer kein Recht und bleiben ohnmächtig? Wie oft ersticken die Realitäten die Zuversicht? Wie oft widersprechen die Erfahrungen des Alltags den Hoffnungen? Jesus dreht das um. Nicht die Realitäten widersprechen der Hoffnung, sondern die Hoffnung widerspricht den Realitäten. Die Zuversicht nimmt es mit den Gegebenheiten auf. Die Verheißungen sind stärker als die festgefahrenen Positionen. Die Ohnmächtigen finden wieder Mächtigkeit über ihr Leben.
 
Roosje hat gegen die Verzweiflung angedichtet und ihre Hoffnung wirken lassen. Sie hat gegen die Ohnmacht angetanzt und den Mächtigen Benimmregeln beigebracht. In der Hölle hat sie für sich und ihre Mitgefangenen ein Licht angezündet, unter den Hungrigen ihr Brot geteilt.
Sie hat Auschwitz für sich klein gemacht, indem sie in einem „Kapolied“ singt:
„Ich hoffe, lange dauert dieser Schwarzbetrieb nicht mehr. Ich möchte schon nach Hause, denn es langweilt mich hier sehr.“
 
In einem anderem Gedicht über das Schicksal trotzt sie der Demütigung und Erniedrigung: „Der Ball geht nach links oder rechts, in welche Richtung der Spieler spielt. Aber da oben ist einer, dem gar nichts entgeht. Auch wenn er dich hier auf der Erde gelassen hat, ich garantiere, er kennt deinen wahren Wert.“ Roosje hat sich der Willkür widersetzt und einer tröstlichen und bestärkenden Wirklichkeit Raum gegeben. Sie war – dem Tod geweiht – eine „Hinwegeilende“!
 
„Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand“, so dichtet Dietrich Bonhoeffer in seinem Gedicht „Von guten Mächten“ (EG 65,3). Heute vor 75 Jahren hat er diesen bitteren Kelch nehmen müssen, weil er in der Nachfolge Jesu Christi der willkürlichen Gewaltherrschaft der Nazis Widerstand geleistet hat und hingerichtet wurde. Einem Mitinhaftierten sagte er kurz vor seinem Tod in einer der Not trotzenden Gewissheit: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“ Auch er ein „Hinwegeilender“, den selbst der Tod nicht halten kann.
 
Heute, liebe Gemeinde, am Gründonnerstag erinnern wir nicht nur an das erste Passamahl der Israeliten und an das Letzte Abendmahl Jesu, sondern wir „verinnern“ es, sodass es in uns wirkt. Jedes Stück Brot am Tisch des Herrn, das wir teilen, und jeder Schluck aus dem Kelch des Heils soll uns die Kraft geben, „Hinwegeilende“ zu werden aus dem, was uns erdrückt und die Hoffnung nehmen will. Feiert diesen Tag als ein Fest für den Herrn. So oft ihr´s tut, zu seinem Gedächtnis, damit ihr frei werdet und die Hoffnung euch leitet!
Amen


Wochenlieder
Das Wort geht von dem Vater aus (EG 223)
Ich bin das Brot, lade euch ein (EG 587)
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