Hast du mich lieb?

Predigt zum 11. April 2021 von Pfarrerin Ursula Heller

Liebe Gemeinde!

Ermüdend und anstrengend ist diese Zeit, immer noch! Und immer noch ist kein wirkliches Ende absehbar. Vor allem ist nicht absehbar, wie eine „Nach-Corona-Zeit“ aussehen wird. Werden wir etwas aus dieser Zeit lernen? Was wird bleiben, das Gute oder nur das Schlechte? Ein neues Nachdenken über die Wichtigkeiten in meinem Leben oder die Sehnsucht, so viel Versäumtes ganz schnell nachzuholen?

Immer noch bestimmen Verordnungen diese Zeit, Vorgaben, Gesetze, die bei Übertretung geahndet. All das gefällt mir nicht, vor allem, weil ich große Sorge habe, was das alles mit uns Menschen macht. Welche Eigenschaften hervortreten und welche in den Hintergrund geraten. Dennoch will ich mich daranhalten, mich damit arrangieren.

Und trotz aller Schwierigkeiten haben wir in diesem Jahr Ostern gefeiert – präsent haben wir die Ankunft des Osterlichtes erlebt, auf dem Friedhof sogar zusammen gesungen. Und das ist gerade mal eine Woche her! Die Auferstehungshoffnung ist noch ganz frisch!

Damit uns diese Hoffnung nicht gleich wieder in den Hintergrund gerät, will ich an eine wunderschöne Auferstehungsgeschichte erinnern, weil ich denke, dass diese Geschichte Mut machen kann in einer Zeit, in der uns dann doch immer wieder die Auferstehungshoffnung aus dem Blick zu geraten droht.

Ganz leise ist die Geschichte, etwas wehmütig, und sehr persönlich, fast intim. Es ist ja immer Auferstehungsgeschichte, wenn Menschen einander persönlich wahrnehmen, beachten und aufeinander achten, einander Leben geben - Freunde oder ganz fremde Menschen; Eltern und Kinder; Familien.

In dieser Auferstehungsgeschichte bei Johannes ist Jesus längst auferweckt. Es sind schon ein paar Tage vergangen seit jenem denkwürdigem Ostermorgen in Jerusalem, wo Gott gehandelt hat, ohne irgendeinen Menschen zu fragen.
Alle sind wieder ins fast normale Leben zurückgekehrt. Alle versuchen, in Liebe und Freundlichkeit beieinander zu sein, um ihre Furcht vor der manchmal dunklen und manchmal schweren Welt überwinden zu können.

Nur einer, einer muss noch geweckt werden aus seiner Erstarrung. Einer muss noch aufstehen können aus seiner furchtbaren Schuld, die jedes Weiterleben eigentlich unmöglich macht. Denn ein Leben mit Schuld macht ein Weiterleben fast unmöglich. Einem muss noch vergeben werden, was eigentlich als unverzeihlich gilt. Denn es ist unverzeihlich, einen Freund zu verleugnen, und das gleich dreimal. Möglichst oft muss ihm vergeben werden, möglichst gleich dreimal. Und selbst das vermag die Liebe.

Johannes 21,15-19: Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?« Er antwortete ihm: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Da sagte Jesus zu ihm: »Führe meine Lämmer zur Weide!« Dann fragte er ihn ein zweites Mal: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Hüte meine Schafe!« Zum dritten Mal fragte er ihn: »Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?« Da wurde Petrus traurig, weil er ihn zum dritten Mal gefragt hatte: »Hast du mich lieb?« Er sagte zu Jesus: »Herr, du weißt alles! Du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Führe meine Schafe zur Weide! Amen, amen, das sage ich dir: Als du jung warst, hast du dir selbst den Gürtel umgebunden. Du bist dahin gegangen, wohin du wolltest. Aber wenn du alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken. Dann wird ein anderer dir den Gürtel umbinden. Er wird dich dahin führen, wohin du nicht willst.« Mit diesen Worten deutete Jesus an, wie Petrus sterben und dadurch die Herrlichkeit Gottes sichtbar machen würde. Dann sagte Jesus zu Petrus: »Folge mir!«

So schön ist Auferstehung. Ein Mensch wird geweckt und herausgelöst aus seiner Erstarrung; wird aus seiner Schuld heraus ins Leben geholt. Auch wenn es manchmal so aussieht - kein Mensch bleibt gerne in seiner Schuld. Je mehr er um sie weiß, desto heftiger werden entweder die Versuche, die Schuld zu leugnen, oder desto niedergeschlagener tritt ein Mensch auf, wenn er überhaupt noch am Leben teilnimmt. Wer um Schuld weiß, will Vergebung.

Petrus lebt nun wieder, nachdem er sich vor einigen Augenblicken noch ins Wasser stürzen wollte aus Scham vor Jesus. Wie hätte er auch annehmen können, dass der von ihm Verleugnete jemals wieder unter seine Augen tritt. Schon der Blick von Angesicht zu Angesicht nach seiner Verleugnung geht ihm heute noch durch Mark und Bein. (Erinnerung an die Rede des Petrus an Karfreitag!)

Ohne ihn hätte Petrus ja vielleicht ins Leben zurückgefunden, aber mit Jesus nie. Jetzt wird ihm diese große Scham genommen. Jesus sieht ihn an, fragt ihn direkt, nimmt ihm dreimal die Schuld und das Versagen und gibt Petrus so den unendlichen Wert zurück, geliebt zu sein und lieben zu dürfen. Und dann bittet Jesus ihn noch: Führe meine Schafe zur Weide. Gib auf sie acht, kümmere dich. Sieh bitte immer genau hin und achte sehr darauf, dass nie jemand verloren geht, auf welche Weise auch immer.
Nichts, nichts wird er jetzt lieber tun, der Simon Petrus, als nur darauf zu achten, dass ja niemand verloren geht oder verleugnet wird - wie er ja auch selbst nichts mehr fürchtete, als verleugnet zu werden oder verloren zu gehen.

So schön ist Auferstehung; und so leise kann sie sein. Wir sind angesehen von Gott und bei Gott, heute und immer. Wir sind getauft, beim Namen genannt, gerufen – in unserem alltäglichen und oft unscheinbaren Leben wirklich gemeint und gewollt. Uns ist vergeben worden, Gott allein weiß wie oft. Unzählige Male, glaube ich, sind wir in Liebe auferweckt worden aus dunklen Stunden, ist uns Freude geschenkt worden.  Auch wenn wir das manchmal gar nicht mehr sehen oder spüren können!

Und mehr wird auch von uns gar nicht erwartet, mehr sollen wir auch gar nicht tun in dieser manchmal schweren und manchmal dunklen Welt, in der Gott über uns wacht. Mehr sollen wir auch nicht tun als acht zu geben, dass ja niemand verloren geht.

Sie verlangen doch gar nicht so viel von uns, die anderen, die auch leben wollen, und es oft so schwer haben mit dem Leben; so schwer, dass sie sich am liebsten verkriechen würden oder weglaufen würden aus Scham - Wenn sie nur wüssten wohin. Sie wollen gar nicht viel, glaube ich. Sie möchten nur, dass wir ein wenig achtgeben auf sie und sie nicht verleugnen oder verloren geben, sondern sie immer wieder sehen und immer wieder finden; wie wir doch auch immer wieder gefunden werden in Liebe und Fürsorge.

Unser auferstandener Jesus wünscht sich:

  • Dass wir uns nicht nur um uns selbst drehen, sondern auch den Schmerz der anderen wahrnehmen - weil ja ihnen wie uns manchmal das Leben aus den Fugen gerät aus Schuld oder Angst oder aus Traurigkeit.
  • Dass wir aber auch unseren Schmerz darüber wahrnehmen, dass es manchmal nicht mehr möglich ist, einem Menschen zu helfen, obwohl wir ihn lieben. Oder ihn verlassen müssen, gerade weil wir ihn lieben. Dass das aber nichts mit Schuld zu tun hat.
  • Dass wir gut achtgeben auf die, die - auf den ersten Blick - kaum etwas zu bieten haben an Geld oder Ansehen oder Leistung.
  • Dass wir achtgeben auf die Kinder, damit die nicht verloren gehen oder vergessen werden in der Welt des oft knallharten Rechnens.
  • Dass wir aufpassen auf die vielen Älteren, die manche Geschwindigkeit einfach nicht mehr mitmachen können.
  • Und dass wir noch merken, noch spüren - nicht nur an uns selber - wie und wo gelitten wird, wo gestorben wird hinter den Mauern von Häusern. Dass wir das noch spüren und niemals verleugnen müssen.

Das alles wünscht sich unser auferstandener Jesus.
Und das ist im Grunde doch keine so schwere Arbeit?

Vor allem brauchen wir die Liebe nicht neu zu erfinden, das hat Gott ja längst getan von Anbeginn der Welt und wieder am Ostermorgen. Wir brauchen die Liebe nicht einmal mehr aufzuerwecken, das tut Gott schon für uns. Wir müssen nur ein Gespür dafür entwickeln, dass sie da ist, diese Liebe.

Und wenn es uns zu düster wird, dann können wir lernen zu empfinden, zu horchen und zu fühlen, was in uns lebt und nicht stirbt. Was in uns aufgeweckt und zum Leben gebracht werden will: Ein offener, nicht von Dunkelheit getrübter Blick, ein Lachen, oder ein Weinen, oder auch mal ein Gebet. Damit wir auch die Menschen wiederfinden, die verloren gingen, weggelaufen sind oder verleugnet werden.

Damit ein Mensch, der unter uns ist, etwas von seiner Furcht verliert, vergessen oder verleugnet zu werden, dazu genügt es oft schon, leise „Ja“ zu sagen oder „Ja“ zu zeigen auf die doch in aller Furcht auch immer verborgene Frage und überaus menschliche Frage: Hast du mich lieb?

Das macht uns fähig, zu leben in der manchmal schweren, manchmal dunklen Welt: Dass wir leise „Ja“ sagen oder zeigen all denen, die uns so sehr suchen, mit ihrer kleinen Frage, die auch Jesus seinem Jünger Petrus gestellt hat:
Hast du mich lieb?
Amen

Pfarrerin Ursula Heller
 

 

Wochenspruch

"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten." | 1. Petr 1,3
 

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