Ich hab's im Kreuz!

Predigt zum 14. März 2021 von Pfarrer Patrick Mauser

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Ostern steht so langsam aber sicher vor der Tür. Es sind noch genau drei Wochen. Und immer wenn Ostern kommt, muss ich leider sagen, habe ich’s im Kreuz.

Oh, sorry, ich muss das klarstellen: ich möchte hier keine Geschichten von Rückenschmerzen erzählen. Aber das ganz Jahr über sehe ich Kruzifixe in Kirchen, Kreuzanhänger, die Menschen sich um den Hals gelegt haben, oder Kreuze in Wohnungen. Doch in keiner Zeit des Jahres denke ich so viel über dieses Kreuz nach. Und in keiner Zeit des Jahrs fordert mich das Kreuz auch so dazu heraus, mich zu dem, was da geschehen ist am Kreuz und danach, zu verhalten. Was siehst du, wenn du dieses Kreuz anschaust: Schaut doch mal hin, auf ein Kreuz hier in der Kirche oder auf eines, nahe Euch. Was siehst du da? Für was steht es? Eine grausige Art der Todesstrafe? Ein Symbol für den Tod Jesu – oder ist es ein Symbol für das Gegenteil: die Auferstehung Jesu? Hier in unserer Kirche macht unser Wandfresko einen Vorschlag: das große, massive Holzkreuz bildet den Vordergrund. Aber es ist leer. Im Hintergrund auf den Putz der Wand gemalt sieht man die Auferstehung Jesu mit den Zeuginnen und dem Engel, der auf den Auferstandenen weist.

In unserer Bibellesereihe im Reutlinger Nordraum, „Unterwegs mit Markus“, sind wir drei Wochen vor Ostern in den Kapiteln 7 und 8 angekommen. Im 8. Kapitel gibt es ganz am Ende einen Text, der mich auch herausfordert nachzudenken, was dieses Kreuz für mich ist. Da habe ich’s wieder im Kreuz…weil ich mich fragen muss: was habe ich vom Kreuz? Wie stehe ich zum Kreuz und, im Markustext gesprochen: „Was ist MEIN Kreuz?“ Aber hört selbst auf die Verse 34 – 38 aus Kapitel 8:

Das Kreuz auf sich nehmen
Dann rief Jesus das Volk und seine Jünger zu sich. Er sagte: »Wer mir folgen will, darf nicht an seinem Leben hängen. Er muss sein Kreuz auf sich nehmen und mir auf meinem Weg folgen. Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer sich aber zu mir und der Guten Nachricht bekennt und deshalb sein Leben verliert, wird es erhalten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben dabei verliert? Was kann ein Mensch einsetzen, um sein Leben dafür einzutauschen? Denn wer sich nicht zu mir und meinen Worten bekennt vor dieser treulosen und schuldbeladenen Generation, der muss wissen: Der Menschensohn wird sich auch nicht zu ihm bekennen, wenn er wiederkommt –in der Herrlichkeit seines Vaters und mit den heiligen Engeln.«

Ihr Lieben,

Schaut doch mal hin, auf ein Kreuz hier in der Kirche oder auf eines, nahe Euch. Was siehst du da? Für was steht es?

Diese Worte Jesu, sie können beim Lesen fast bedrohlich sein, oder? Da wird es ein bisschen ungemütlich in einem drin: „Wer mir folgen will, darf nicht an seinem Leben hängen.“ Aber wir hängen doch wirklich alle an unserem Leben! Das ist doch klar!

„Er muss sein Kreuz auf sich nehmen und mir auf meinem Weg folgen. Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“

Der Weg Jesu führt zum Kreuz. Das sagt er den seinen Jüngerinnen und Jüngern kurz bevor er seinen Weg nach Jerusalem einschlägt, dort, wo das Kreuz auf ihn wartet. Er nennt es schon, das Folterinstrument, an dem er den Tod finden wird. Uns heute ist das klar. Die Menschenmenge um Jesus, die werden keine Ahnung gehabt haben.

Der Weg Jesu führt zum Kreuz, zum Tod. Will ich dahin mitgehen? Ein anderes Wort Jesu aus dem Johannesevangelium lautet doch: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Ich will mein Leben retten, dann kann ich doch nicht ein Kreuz auf mich nehmen.

„Wer sich aber zu mir und der Guten Nachricht bekennt und deshalb sein Leben verliert, wird es erhalten.“ Hier fällt es nicht schwer, an die vielen grausigen Märtyrergeschichten aus der Vergangenheit zu denken. Vielleicht fühlt man sich auch an religiösen Fundamentalismus erinnert, wenn man das so liest.
Jetzt hab ich’s wirklich im Kreuz.

„Sein Kreuz auf sich nehmen.“

Zum Sprichwort wurde dieser Satz für ein schweres Schicksal, dass man erdulden muss. Dabei denkt man unweigerlich an den Leidensweg Jesu mit dem Kreuz auf der Schulter, beschimpft und verachtet vom Volk, gekrönt mit der Dornenkrone.

Aber meint Jesus etwas genau dies mit dem Kreuz, dass man auf sich nehmen soll?

Denken wir daran, diese Worte haben Menschen zuerst gehört, als das Wunder von Ostern schon lange geschehen war. Es kann also nicht darum gehen, um jeden Preis Jesus in einen grausigen Tod zu folgen. Ganz und gar nicht. Wir hören diese Worte außerhalb vom Heimatland Jesu und wir lesen sie im Wissen um den Ostersonntag. Im Blick auf das Leben! Um was geht es Jesus also mit diesem Satz? Es meint Nachfolge. Nicht Nachfolge in den Tod, sondern Nachfolge nach dem Vorbild Jesu. Es bedeutetet: Mit Jesus SEIN, also existieren. Nicht, ihm nur etwas nachzumachen. In der Lutherbibel findet sich diese Übersetzung: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Eine ebenfalls etwas ältere Erklärung zu dieser „Verleugnung“, die ich gefunden habe lautet: „die Jüngerexistenz vor die eigenen Interessen stellen“. Bleiben wir mal dabei und schauen, was passiert. Das klingt alles nicht nach „Leben verlieren“, doch bedenken wir, dass es Zeiten in der Antike gab, in denen es lebensgefährlich war, sich als Christin oder Christ zu bekennen. Auch heute noch gibt es Gegenden in der Welt, wo es immer noch so ist. Wie lesen Menschen in Bedrängnis wohl diese Stelle? Danken wir Gott, dass wir in unserem Land nicht um sein Leben fürchten muss, sondern vielleicht Verwunderung oder mal blöde Sprüche erntet.

Aha! Spricht Jesus uns somit nicht an, weil wir das völlig unverdiente Glück haben, in einem reichen und freiheitlich-demokratischen Land zu leben?

„Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“

Bleiben wir in unserem reichen Land. In dieser Krise haben wir als Gesellschaft doch die größte Sorge um unseren Lebensstandard. Um unsere wirtschaftliche Leistung. Ich auch, das gebe ich zu: ich denke an all die Leute, die ich kenne, die kleine Kinder haben und um ihren Job fürchten. Hohe Mieten, hohe Preise in Reutlingen. Erst wenn ich mal drüber nachdenke, merke ich, dass wir mittlerweile so tief in der Klimakrise sitzen, dass es für jeden Menschen hier heißt, wenn wir mal ehrlich sind, auch wenn es weh tut: Wenn wir unser Leben in unserem Standard retten wollen, heißt es, dass wir als Menschheit eine Katastrophe unterstützen. Das heißt das gute Leben, das wir Leben ist ein verlorenes, da es zwangsläufig eines ist, das Schuld auf sich lädt.

Wer sich aber zu mir und der Guten Nachricht bekennt und deshalb sein Leben verliert, wird es erhalten.

Was Jesus meint, ist die Veränderung eines „alten“ Lebens, so sehr, dass es ein Neues wird. In der Nachfolge Jesu, in der Liebe Gottes, die jede Schuld vergibt und jedes Leben liebt. Ein Leben muss veränderbar sein, muss Einsicht beinhalten können und für ein Umdenken bereit sein, damit es lebt, atmet und richtig lebendig wird. Daher kann ein Lebensstil, der aufgegeben wird, ein Leben erhalten. Und wenn es das Leben anderer Menschen erhält.

Und jetzt sind wir genau bei dem Problem unserer Zeit. An was denkt Ihr bei diesen Worten Jesu:
Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben dabei verliert? Was kann ein Mensch einsetzen, um sein Leben dafür einzutauschen?

An was denkt Ihr? Denkt ihr an Leute, wie Jeff Bezos? Der Amazon-Chef verdiente an einem Tag 8 Milliarden Dollar. Er ist der reichste Mensch der Welt und der größte Gewinner der Corona-Krise die Millionen Menschen das Leben gekostet hat und viele Hundert Millionen noch tiefer in die Krise schleudert. Vergleicht man die Summe auf seinem Konto mit dem Bruttoinlandsprodukten GANZER NATIONEN, dann wäre er auf Platz 54, zwischen Kasachstan und Neuseeland. EIN Mann erwirtschaftet mehr als 140 Länder der Welt.

Und dennoch stellt sich auch für diesen Mann die Fragen Jesu:
Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben dabei verliert? Was kann ein Mensch einsetzen, um sein Leben dafür einzutauschen?

Egal wie viele Milliarden auf dem Konto: kein Leben ist darum mehr wert. Egal, wie viel Geld auf dem Konto: es ist keine Garantie für ein Leben, das mit sich im reinen ist. Im Sinne Jesu heißt das: du wirst nie etwas Besitzen oder Verdienen können, dass dein Leben zu einem guten und geliebten und erfüllenden Leben macht. Du kannst am Ende nichts eintauschen, wie ein Gutschein, der alles im Nachhinein gut macht.

Ein Leben in der Nachfolge Jesu heißt: die Herausforderung des wichtigsten Gebotes leben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken. Und deinen Mitmenschen wie dich selbst lieben.“

Wie sähe die Welt aus, wenn wir das schaffen würden? Wie viel Liebe würde mir gegeben werden, wenn ich sie so verteilen würde? Da dies unmöglich ist, sind wir alle darauf angewiesen, dass wir einen Schritt zurückmachen: Sagen, dass wir uns selber nicht an den Haaren aus dem Sumpf ziehen können – ihr seht ja, ich habe es oft versucht, sondern, dass unser Leben doch erst durch eine Liebe vollkommen wird, die von außen kommt, die ein Geschenk ist. Und die ihr Kreuz auf sich genommen hat, die wegen übermenschlicher Liebe, den Tod gewählt hat, um meinem Leben die Liebe zu beweisen. Dieser Liebe will ich folgen, sie inspiriert mich, und da weiß ich wieder, was ich im Kreuz habe.

AMEN.

Ihr Pfarrer Patrick Mauser


Unterwegs mit Markus

In der Woche vom 15 bis 21. März lesen wir gemeinsam Kapitel 9 + 10.
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