Jesus der Menschenfischer

Predigt zum Sonntag 12.7.

Predigttext: Lukas 5,1-3
Eines Tages stand Jesus am See Gennesaret; eine große Menschenmenge drängte sich um ihn und wollte das Wort Gottes hören.Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und reinigten ihre Netze. Jesus stieg in das Boot, das Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit auf den See hinauszufahren. So konnte er im Boot sitzen und von dort aus zu den Menschen sprechen.

Liebe Gemeinde!

Finden Sie das nicht außergewöhnlich? Da sitzen Fischer am Ufer. Übernächtigt sind sie. Die ganze Nacht haben sie gefischt - da, wo sonst immer am meisten zu holen war, in der Nähe des Ufers. Nur, gefangen haben sie heute so gut wie nichts. Und direkt neben ihnen findet ein Gottesdienst statt. Jesus hält eine Predigt. Ja, schließlich hält er einen von ihnen sogar von der Arbeit ab und macht sein Boot zur Kanzel. Und die Fischer?
Keine Reaktion. Weder schimpfen sie, noch sind sie begeistert. Ich frage mich, was wohl heute los wäre, wenn auf einmal jemand vor Werkshallen oder auf Verladerampen von Autofirmen stehen und predigen würde. Das würden die allermeisten für ganz unmöglich halten. "Das geht doch nicht! Wenn überhaupt, dann wird die Predigt am Sonntag in der Kirche gehalten, da gehört sie hin, da kann man zuhören. Am Arbeitsplatz ist sie fehl am Platze. Da gehört die Kirche und damit auch Jesus nicht hin."

Doch diese Geschichte will zeigen, dass wir uns irren. Jesus hat gerade im Alltag etwas verloren, uns nämlich. Uns sucht er da. Und mischt sich deswegen ein. Und wie sehr er sich einmischt, das zeigt die Fortsetzung unserer Geschichte:

Lesung des Predigttextes: Lukas 5,4
Als er aufgehört hatte zu reden, wandte er sich an Simon und sagte: »Fahr jetzt weiter hinaus auf den See; werft dort eure Netze zum Fang aus!«

Was soll der Fischer Simon nun sagen? Einfach überhören kann er das ja nicht. Nicht mehr das Volk, er selbst ist nun angesprochen. Und der Prediger sagt ihm ja nicht irgendetwas über Gott, sondern gibt ihm einen Befehl, der seine Arbeit betrifft.

Den Mann aus Nazaret einfach auslachen, weil sein Rat so lächerlich ist?
Ist es nicht so, dass Politiker eher lachen, wenn man ihnen sagt, sie sollten sich bei ihrer Politik nach der Bibel richten. Ob wir nicht auch lachen, wenn wir uns an einem Problem abplagen und jemand uns sagt: "Hast du es schon mal mit Beten versucht?"

Vielleicht könnte der Fischer Simon sagen: "Lieber Jesus! Du meinst es gut, aber davon verstehst du nichts! Fische fängt man hier nur nachts, nicht mittags in der größten Hitze.
Und dann eben auch nur in Ufernähe und nicht in der Mitte des Sees." Dann hätte der Fachmann gesprochen.
Und so reden wir doch oft: als (vermeintliche) Fachleute. Wenn jemand sagt, dass Liebe mehr bewirkt als Gewalt, dann ist bis heute zu hören: "Unsinn! Ein paar hintendrauf haben noch keinem geschadet!" Wenn jemand sagt, es könne doch keiner dafür, dass er aus schlechten Verhältnissen komme, dann ist die gängige Meinung: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!" Wir haben eben so unsere Erfahrungen, die haben sich oft bestätigt, warum also davon abweichen?

Aber vielleicht sollte Simon einfach tonlos und müde sagen: "Auch das hat keinen Zweck!" Das kennt hier jeder und jede, nicht wahr? Alles versucht, aber es hat nichts genützt. Ich glaube, immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie ohnmächtig sind, sich abarbeiten ohne Erfolg, ohne sichtbaren Erfolg.
Und tatsächlich: Simon antwortet erst so, wie vielleicht jede*r unter uns an dieser Stelle antworten würde: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber - jetzt kommt das große "Aber", liebe Gemeinde - aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen!

Wie kann er das sagen? Wieso fällt Simon hier so aus der Rolle? Ich weiß nicht, wieso Simon Petrus das sagt. Vielleicht aber sind dem einfachen Fischer auf einmal die Ohren und die Augen aufgegangen. „Muss denn alles so sein wie immer?", hat er sich vielleicht gefragt. „Wer bestimmt denn über diese Welt? Meine Erfahrung oder Gott? Ist Gott an meine Erfahrung gefesselt?
Da will einer, dass ich etwas riskiere, will, dass ich Gott etwas zutraue. Darauf vertraue, dass Gott die Macht hat, da etwas zu tun, wo ich selbst gar keine Chance mehr sehe. Ich will es tun."
Ein Wort wirkt Wunder an diesem Mann. Da wird jemand anders durch einen Satz Jesu. Und wenn Sie mich fragen: Das ist für mich das Wunder in dieser Geschichte; die Veränderung des Simon durch nur einen Satz.

An dieser Stelle der Geschichte frage ich mich für mein Leben heute, hier, jetzt: Warum handeln wir so oft anders? Bin ich / sind wir wirklich so blind und gefangen durch unsere Erfahrungen, statt sehend zu sein? Denn wir gehorchen ihnen oft mehr als dem Wort Jesu. Ich glaube, das liegt nicht so sehr daran, dass wir das Wort Jesu nicht so direkt hören wie Petrus. Sicher, allzu oft wird es durch Gerede und Meinungswirrwarr übertönt. Aber es gibt viele Situationen, da hören wir dieses Wort doch ganz deutlich: die Aufforderung zur Liebe, zur Vergebung, auch zum Verzicht - und wir hören nicht drauf.

Liegt es vielleicht an unserer Angst, aus der Rolle zu fallen, wenn wir diesem Wort Jesu folgen? Dem Wort Jesu, das uns unsre eingelernten Erfahrungen hinterfragen lässt? Fürchten wir uns dann vor dem Gelächter der anderen, wenn wir deshalb jemandem vertrauen, der den anderen immer als unzuverlässig erschien? Fürchte ich das Kopfschütteln, wenn ich auf einen Vorteil verzichte, die Empörung, wenn wir uns mit jemandem abgeben, den alle als hoffnungslosen Fall abgeschrieben haben. Das ist schwer auszuhalten, sicher. Aber eben hier findet die Probe aufs Exempel statt: Trauen wir Gott, dem Wirken Gottes an uns wirklich etwas zu?

Vielleicht haben wir aber nur ganz einfach Angst vor dem Misserfolg. Sie und ich wissen, wie die biblische Geschichte ausgeht: Das Vertrauen des Petrus hat sich gelohnt. Ist das auch so, wenn wir so handeln? Ich glaube, wir werden da auch Rückschläge und Misserfolg erleben, wenn wir unser Vertrauen auf das Wort Jesu setzen so wie Simon Petrus. Aber ich bin davon überzeugt: Wir können lernen, mit dem Scheitern umzugehen und zu leben. Wir werden dann niemals endgültig scheitern. Petrus erlebt es.

Lesung des Predigttextes: Lukas 5,6+7
Das taten sie dann auch, und sie fingen eine solche Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen begannen. Deshalb winkten sie den Fischern im anderen Boot, sie sollten kommen und mit anpacken. Zusammen füllten sie die beiden Boote, bis diese schließlich so voll waren, dass sie zu sinken drohten.

Und was tut nun Simon? Was tun Sie, wenn Ihnen unerwartet etwas gut gelungen ist? Ihnen überraschend etwas Großes geschenkt wurde? Sie noch einmal davongekommen sind vor dem Zusammenstoß oder der tödlichen Krankheit? Oder völlig unerwartet Sie die Liebe Ihres Lebens gefunden haben?

Ich kann das für Sie nicht beantworten. Ich jedenfalls freue mich dann, bedanke mich, sage auch mal: "Gott sei Dank"! - Und Simon? Auch hier fällt er aus der Rolle, handelt gegen unsere Erfahrung:

Lesung des Predigttextes: Lukas 5,8-10a
Als Simon Petrus das sah, warf er sich vor Jesus auf die Knie und sagte: »Herr, geh fort von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.« Denn ihm und allen, die bei ihm ´im Boot` waren, war der Schreck in die Glieder gefahren, weil sie solch einen Fang gemacht hatten, und genauso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die zusammen mit Simon Fischfang betrieben.

Da ist jemandem aufgegangen, wer er ist. In unsere heutige Sprache übersetzt sagt er: „Ich bin es nicht wert, mein Gott! Immer wieder habe ich dich vergessen, dein Wort überhört, mein Wissen und meine Erfahrung vergöttert. Und du beschenkst mich so? Nein, ich bin es nicht wert. Geh von mir weg!"
Und ich meine, auch wenn wir so ganz anders reagiert hätten als er, dieser Mann spricht uns aus der Seele. Ich glaube, ganz tief in unserem Inneren wissen wir: Wir sind es oft nicht wert, dass Gott sich um uns kümmert. Denn was kümmern wir uns schon um ihn?

Aber Jesus geht nicht. Geht nicht weg von Simon Petrus. Er sagt nicht: "Nein, nein, so schlecht, wie ihr meint, seid ihr ja gar nicht!" Er weiß schon: So sind wir. Aber er weiß auch: So brauchen wir nicht sein. Simon, der aus der Rolle gefallen ist, ist eben nicht reingefallen. Er, der aus der Rolle fiel, bekommt von Gott eine neue Rolle.
Und damit hört die Geschichte auf:

Lesung des Predigttextes: Lukas 5,10b-11
Doch Jesus sagte zu Simon: »Du brauchst dich nicht zu fürchten. Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein.« Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und schlossen sich ihm an.

Menschen fischen ist hier aber kein Gefängnis, so wie die Fische im Netz gefangen sind. Es meint ganz positiv: das Leben schenken, beleben, wiederbeleben. Dann wäre hier zu übersetzen: "Von nun an wirst du Menschen zum Leben fangen - fangen, damit sie leben, endlich wieder leben." Ist das auch unser Auftrag? Ich weiß es nicht genau.

Vielleicht will Christus jemanden von uns zu einem solchen Menschenfischer machen, wie es dieser Simon Petrus war. Vielleicht hat er aber auch etwas ganz anderes mit uns vor. Eines aber ist sicher. Er sagt auch zu uns: "Du brauchst deine alte Rolle nicht mehr weiterspielen. Deine Lebenserfahrung, dein Wissen - es ist nicht falsch. Nur: Gott kannst du darin nicht immer finden und schon gar nicht ihn daran binden. Vertrau mir: Gott ist größer, als du meinst, und seine Wege überraschender, als du denkst. Gott liegt mehr an dir, als du weißt, und er traut dir mehr zu, als du dir vorstellen kannst. Komm, folge meinem Wort! Lass die anderen den Kopf schütteln, sollen sie nur. Du wirst nicht scheitern. Sicher nicht. Und wenn du mal scheiterst, dann wirst du lernen, damit zu leben. Denk an Simon!" Amen.

Pfarrerin Ursula Heller
 

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Epheser 2, 8
 

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