Maria, die Mutter Gottes

Predigt zum 24. Januar 2021 von Pfarrerin Ursula Heller

Liebe Gemeinde,

wie kommt ein Mensch dazu, solch einen Lobgesang anzustimmen? Welche überschäumende Freude muss doch hinter diesem Menschen Maria stehen!
Na ja, also bitte, so sagt die übliche Meinung, Maria hat ja auch allen Grund dazu:
- Sie, die in ihrer Niedrigkeit, in ihrer Bedeutungslosigkeit erwählt wurde als Werkzeug Gottes zu fungieren, zur Menschwerdung Christi.
- Sie, die reine, stille, bescheidene Magd, die Scheue, Schüchterne, sie wird die Mutter des Erlösers.
- Sie, die Hochgelobte, die von Frauen und Männern angebetet wird, in der katholischen Kirche sogar götterähnlich verehrt wird.

Aber können solche Gedanken der Hintergrund sein eines solchen Lobliedes, eines Lobliedes, das aus ihr, Maria, hervorbricht, sich Bahn bricht? Eines Lobliedes, das die Umkehrung von bestehenden Machtverhältnissen heraufbeschwört? Kann ein solcher Gesang wirklich von einer so reinen, so stillen jungen Frau gesungen werden, wie sie uns so gerne vorgestellt wird?

Vor diesen Hintergrundgedanken habe ich mich an den Kirchenstreik Maria 2.0 erinnert. Eine Woche lang haben katholische Frauen im Mai 2019 deutschlandweit unter dem Motto "Maria 2.0" die Kirche bestreikt. Sie wollten damit gegen eine männerdominierte Kirche und für den Zugang von Frauen zu den Weiheämtern in der Kirche demonstrieren. Dieser Kirchenstreik hat mich auf den Gedanken gebracht, Maria neu und anders zu beleuchten.

Wenn ich mir so manche Darstellungen Marias anschaue, dann kann das nicht die Maria sein, die hier im Evangelium des Lukas beschrieben wird. Die Maria bei Lukas findet Worte, sie findet sogar sehr treffende Worte für ihre Situation und für ihr Lob. Sie, die Frau, die in den Bethäusern der Männer nichts zu sagen hatte, die den Gottesdiensten der Männer allenfalls auf der verhängten und abgeschirmten Empore verschämt folgen konnte, sie findet Worte die den alten Propheten in nichts nachstehen.

Welch eine Umkehrung der damaligen Gewohnheiten, wenn es denn nur damalige waren?! Worte die bisher vermeintlich nur von Männern zu hören waren aus dem Munde einer Frau, aus dem Munde Marias der Mutter Jesu Christi!

Dabei war ihre Situation, in der sie diese Worte sprach, alles andere als rosig: Im Alten Orient galt es als Todsünde vor der Ehe schwanger zu werden. Marias Schwangerschaft verschafft ihr keinen guten Ruf. Im Gegenteil, sie ist in Ver-ruf geraten, auch bei ihrem Mann Joseph, der nur durch die geballte Engelmacht dazu bewegt werden konnte bei Maria zu bleiben. "Ein leichtes Mädchen ist sie, eine Schlampe", sagten die Leute und auch Freunde, Wohlgesinnte grinsten still in sich hinein angesichts ihres "kleinen Missgeschicks".

In solch einer Situation, in dieser Umgebung, zieht sich Maria, die Frau, die Mutter, nicht still und geschlagen in das hinterste Eck des Dorfes zurück, sie geht nicht in die Wüste oder gar ins Wasser, nein, lautstark preist und lobsingt sie Gott: "Denn siehe, von jetzt an werden mich selig preisen alle Geschlechter." Den Menschen, die Maria kannten, die um sie herum lebten, musste das als Unverschämtheit, als Taktlosigkeit, ja als Blasphemie vorkommen. Sie haben Unrecht behalten, ein Vorgang, eine Frau, die uns als Kirche Jesu Christi auch heute noch nachdenklich macht: Maria war mehr als ein seelenloses Werkzeug Gottes, sie war mehr als das bloße Empfangsgefäß göttlichen Samens oder wie man heute sagen würde, eine göttliche Leihmutter.

Sie unterwirft sich nicht einfach dem göttlichen Ratschluss, sondern sie stimmt dem Auftrag, den Gott ihr gegeben hat, gegen alle Widrigkeiten, die ihr begegnen, gegen das Gerede der Leute, sie stimmt diesem Auftrag zu. Mehr noch, sie singt, sie preist auch noch die Größe Gottes und seines Ratschlusses.
Maria erkennt und benennt die herrschende Ungerechtigkeit, die auch sie zu spüren bekommt, aber sie unterwirft sich ihr nicht. Sie stellt dieser realen Ungerechtigkeit die Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit entgegen: "Er stößt Gewaltige von ihren Thronen, Mächtige, die ihre Macht missbrauchen und er erhöht die Niedrigen."

Vom „Hüpfen und Hoffen“ haben wir diesen Gottesdienst überschrieben! Welcher Glaube an Gott, welche Hoffnung auf diesen, den gerechten Gott stehen doch hinter diesen Sätzen! Ein Glaube, den selbst Zacharias, der Mann der Elisabeth nicht teilen kann. Zacharias, der Mann, verstummt, Maria und Elisabeth aber rufen, singen ihr Gotteslob in eine Welt hinaus, die ganz und gar nicht bereit ist, solch ein Lob-, solch einen Preisgesang aufzunehmen. Maria und Elisabeth sind wahrliche Vorreiterinnen im Hüpfen vor Freude und im Hoffen!

Die Bibel spricht an vielen Stellen davon, dass Frauen, damals und heute, nicht so einfach auf bestimmte Normen festzulegen sind. Die Frauen übertreten gesetzte Normen, liebgewordene Gewohnheiten, sie brechen aus ihren Rollen aus: um Gottes Willen!

Maria, die Mutter Gottes ist nicht die stille, die etwas unbedarfte, leicht zu handhabende demütige Magd, wie sie von vielen Altarbildern prangt. Sie ist die mutige Bekennerin, die in einer feindseligen Umgebung Gott lobsingt und preist, auch wenn es ihrer Umgebung als unverschämt erscheint. Maria setzt sich darüber hinweg im Vertrauen auf den gerechten Gott, den sie preist. In der Hoffnung auf sein Kommen: Er wird die Verhältnisse geraderücken, die Mächtigen beschämen, die Hungrigen sättigen.

Maria steht als Hoffnung, als Vorbild einer mutigen und tiefgläubigen Frau vor uns, die sich ihre Gedanken macht, und aus der der Lobgesang Gottes hervorbricht. Und sie ist es, die am Ende sprachlos mit ansehen muss, wie ihr Sohn, ihre Hoffnung, für den auch sie gelitten hat, am Kreuz nach seinem und ihrem Gott schreit.

Der Schweizer Theologe Kurt Marti hat das in seinem Text „Und Maria“ in folgende Worte gefasst:
    später viel später
    blickte maria
    ratlos von den altären
    auf die sie gestellt worden war
    und sie glaubte
    an eine verwechslung
    als sie
    - die vielfache mutter -
    zur jungfrau
    hochgelobt wurde
    und sie bangte
    um ihren verstand
    als immer mehr leute
    auf die knie fielen vor ihr
    und angst zerpresste ihr herz
    je inniger sie
    - eine machtlose frau -
    angefleht wurde
    um hilfe auf wunder
    am tiefsten aber verstörte sie der
    blasphemische kniefall
    von potentaten und schergen
    gegen die sie doch einst
    gesungen hatte voller hoffnung

Maria lädt uns ein, uns Frauen und Männer, hüpfend und hoffend, ihr mutiges Bekennen, ihre unverbrüchliche Hoffnung nicht Lügen zu strafen, sondern mit Selbstbewusstsein und Leichtigkeit ihren Glauben, ihren Lobgesang weiterzutragen und weiter zu leben! Amen

Pfarrerin Ursula Heller
 

Wochenspruch

"Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes." | Lk 13,29
 

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