Markus und die Fastenzeit

Predigt zum 14. Februar 2021 von Prädikant Jürgen Simon

Liebe Gemeinde,

am Mittwoch beginnt die Fastenzeit. Katholiken begehen den Aschermittwoch als strengen Fasttag ähnlich dem Karfreitag. Bei uns Evangelischen gibt es hingegen keine ausdrücklich verordnete Fastenzeit; allenfalls freiwillige Aktionen wie »7 Wochen ohne«.

Wir schauen nämlich in unsere Bibel und lesen Markus 2 oder die Parallelstellen bei Matthäus und Lukas und sagen: Jesus hat doch das Fasten abgeschafft. »Es ist nicht die Zeit zu fasten«, lautet die Überschrift über den heutigen Abschnitt in der neuen Basisbibel. Oder ist diese Zeit schon wieder vorbei? Was hat das mit dem letzten Vers, den wir gerade gehört haben, auf sich? «Aber es wird eine Zeit kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen. An jenem Tag werden sie fasten».

Doch der Reihe nach. Ich habe vor der Schriftlesung angekündigt, dass nach einer Serie von Heilungswundern, die bis MK 2,12 zu finden sind, Markus zwei neue Kategorien ins Spiel bringt: Die Berufung des Levi und die Rede vom Bräutigam.

Berufungen kennen wir schon aus Kapitel 1: Simon und sein Bruder Andreas, dann Jakobus und sein Bruder Johannes. Doch das sind rechtschaffene jüdische Männer, deren Haus man betreten kann, ohne sich unrein zu machen.

Nun aber wird ein ganz anderer berufen: Levi, der Zolleinnehmer, der mit der Besatzungsmacht zusammenarbeitet, für sie Zölle eintreibt, einer, der mit diesen Heiden zusammensitzt und dadurch ein unreines Haus hat. — Zu diesem geht Jesus ins Haus, sitzt bzw. liegt dort zu Tische mit seinen Jüngern. Levi selbst ist zwar Jude, wahrscheinlich wohlhabend, sonst könnte er keine so großen Tischgesellschaften in seinem Haus bewirten, aber einer, der am Rande der Gesellschaft steht – nicht in erster Linie weil er zu viel Zoll kassiert (das ist unser moralischer Blick); hier geht es um etwas für das damalige Judentum Wichtigeres: um die Reinheit. Die Religionspartei der Pharisäer, aber auch andere jüdische Gruppierungen wie die Essener, legten auf diese Reinheit großen Wert.

Jetzt kann es einem, der rein lebt, trotzdem mal passieren, dass er auf einem Markt mit jemandem Unreinen in Kontakt gerät, oder dass man sich auf andere Weise verunreinigt, vielleicht auch sündigt. Um sich zu reinigen und von (auch unbeabsichtigten) Sünden frei zu kommen, gab es die Tradition des Fastens.

An diese Tradition der Reinigung hielten sich die Pharisäer und fasteten an zwei Tagen in der Woche, Dienstag und Donnerstag. Und wohl auch die Jünger des Täufers Johannes fasteten und lebten als Bußbewegung dauerhaft asketisch.

Deshalb ist es durchaus passend, dass gleich im Anschluss an die Passage, in der Markus von der Einkehr in das Haus des Levi erzählt (unrein werdend), die Frage nach dem Fasten (Reinigung) gestellt wird. — Wenn die schon meinen, sie seien zu den Kranken geschickt, dann könnten sie ja wenigstens die Tradition der kultischen Reinigung befolgen.

Und da kommt jetzt die zweite neue Kategorie ins Spiel: Jesus deutet an, dass er der Messias sein könnte. Er spricht von einer besonderen Zeit, einer Hochzeit, und von sich selbst als Bräutigam, als er auf die Frage antwortet, warum er und seine Jünger nicht fasten. Allerdings: Bräutigam ist ein uns vertrauter religiöser Begriff, die christliche Theologie hat dieses Bild vielfach verwendet, das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen fällt uns ein.

Den Juden der damaligen Zeit, auch der römischen Gemeinde des Markus, war dieser Begriff keineswegs vertraut. Die Propheten haben andere Bilder verwendet, wenn sie über den kommenden Messias gesprochen habe. Daher ist es eher ein verstecktes Selbstzeugnis des Messias, da hier anklingt.
Zugleich wird aber angedeutet, dass Jesus wieder aus dieser Welt genommen wird, also nicht der Bleibende ist. Damit ist die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger nach seinem Tod angesprochen, die Erfahrung der Verlassenheit .

Und genau dann werden sie fasten, schildert Markus eine Erfahrung, die in seinen Gemeinden überliefert gewesen sein dürfte: Jesu Gefolgschaft fastete nicht, um sich religiös zu reinigen, sondern weil sie so erschüttert war, dass ihr Meister weg ist.

Wir kennen das, wenn wir eine Person aus unserer nächsten Umgebung in den Tod verabschieden müssen: das schlägt auf den Magen, Traurigkeit führt automatisch zum Fasten.
Aber es gibt vielleicht noch einen anderen Grund, warum der Wanderprediger Jesus in seiner Verkündigung und seiner Art zu leben sich nicht auf die Fastenregeln der Pharisäer einlässt: Weil er ganz in der Tradition der alten Propheten steht, weil er gekommen ist, ihre Botschaft zu erfüllen.
 Und obwohl diese Predigtreihe zu Markus nur zur Karwoche hin auf das Kirchenjahr abgestimmt ist, passt dann doch der für den heutigen Sonntag in der Evang. Kirche in Deutschland vorgesehene Predigttext sehr genau auf die Frage nach dem richtigen Fasten.

Der Prophet Jesaja hat nämlich ein Antwort parat, die nicht nur die Frage nach dem rechten Fasten beantwortet, sondern zugleich erklärt, warum Jesus fastet, wenn er mit seinen Jüngern zum Mahl in das Haus des Levi geht und daher unsere beiden Textabschnitte tatsächlich als ein Text gelesen werden können. – Hier also der heutige Predigttext aus Jesaja im 58. Kapitel:

{Gott spricht durch Jesaja:} Sie befragen mich Tag für Tag und wollen wissen, was mein Wille ist. – Als wären sie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das Recht seines Gottes nicht missachtet!
Sie fordern von mir gerechte Entscheidungen und wollen, dass ich ihnen nahe bin. Und dann fragen sie mich: »Warum achtest du nicht darauf, wenn wir fasten? Warum bemerkst du nicht, wie wir uns quälen?«
Ich antworte: Was tut ihr denn an den Fastentagen? Ihr geht euren Geschäften nach und treibt eure Untergebenen zur Arbeit an! Ihr fastet, um zugleich Zank und Streit anzuzetteln und mit roher Gewalt zuzuschlagen.

So wie ihr jetzt fastet, Windet eure Stimme im Himmel kein Gehör. Meint ihr denn, dass ich ein solches Fasten liebe? Wenn Menschen sich quälen, den Kopf hängen lassen wie eine umgeknickte Binse und in Sack und Asche gehen? Nennst du das Fasten, einen Tag, der dem Herrn gefällt?
Das wäre ein Fasten, wie ich es liebe: Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende!
Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm Arme und Obdachlose ins Haus auf. Wenn du jemanden nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten!

Dann bricht dein Licht hervor wie die Morgenröte, und deine Heilung schreitet schnell voran; deine Gerechtigkeit zieht vor dir her, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Dann antwortet der Herr, wenn du rufst. Wenn du um Hilfe schreist, sagt er: »Ich bin für dich da!«

Schaffe die Unterdrückung bei dir ab, zeig auf niemanden mit dem Finger und unterlass üble Nachrede. Nimm dich des Hungrigen an und mach den Notleidenden satt. – Dann strahlt im Dunkeln ein Licht für dich auf. Die Finsternis um dich herum wird dann hell wie der Mittag.


»Zeig auf niemanden mit dem Finger, grenze niemanden aus, der eigentlich dein Nächster ist.« So ließe sich dieser Gedankengang weiter formulieren und so erklärt sich auch, warum Jesus zu denen geht, die am Rande der Gesellschaft stehen, warum er sich derer annimmt, die wegen ihrer Krankheit (Aussatz, böse Geister) ausgegrenzt werden oder wegen ihres Umgangs mit Heiden.

Es zeigt sich mal wieder, dass das Neue Testament nicht ohne das Alte richtig verstanden werden kann, dass Jesus in vielerlei Hinsicht keine neue Botschaft ins Judentum getragen hat, sondern die alte Botschaft aus den (Fehl-) Interpretationen der verschiedenen Religionsparteien innerhalb des Judentums herauslösen, quasi ihren Kern befreien wollte.

Wenn dem so ist, dann füllen Jesus und seine Jünger gar keinen neuen Wein in neue Schläuche, so wie es die meisten in die Schlussverse unseres Abschnitts hineininterpretieren, sondern dann führt uns die Parallelstelle zu Markus 2,21-22 bei Lukas in die richtige Richtung, denn er leitet die dürftigen Verse, die er von Markus übernommen hat, ein und gibt ihnen auch einen interessanten, interpretierenden Schluss. Mit diesem Lukas-Abschnitt möchte ich schließen:

Jesus erzählte ihnen noch ein Gleichnis: »Niemand schneidet Stoff von einem neuen Mantel ab und näht ihn auf einen alten. Sonst zerschneidet er den neuen Mantel, aber der Flicken passt nicht zu dem alten. Und niemand füllt neuen Wein in alte Weinschläuche. Sonst bringt der neue Wein die alten Schläuche zum Platzen. Der Wein läuft aus, und die Schläuche werden unbrauchbar. Nein: Neuer Wein gehört in neue Schläuche. Und niemand, der alten Wein getrunken hat, will neuen Wein haben. Denn er sagt: ›Der alte ist besser.‹«

Amen.

Jürgen Simon

 

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