Noch einmal neu anfangen.

Predigt zum Sonntag 24.5.

Liebe Gemeinde!
Noch einmal neu anfangen. Altes hinter sich lassen. Versäumnisse und Verletzungen sind vergeben, Schuld ist getilgt, wird mir genommen, wird dadurch tragbar und lebbar. Alle meine Verfehlungen, alles, wozu ich im Rückblick sage: Hätte ich doch nicht – wie konnte ich nur – was habe ich mir dabei nur gedacht – alles ist sozusagen auf Neuanfang gesetzt. In der Computersprache würde man sagen: Die Reset – Taste wird gedrückt.
 
Was meinen Sie? Ist das möglich? Es wäre sicher interessant, wenn wir uns darüber jetzt austauschen könnten. Und wahrscheinlich würden viele unterschiedliche Meinungen zusammenkommen. Aber in einer Sache wären sich sicher alle einig: Das geht nicht. Ich kann nicht nochmal neu anfangen. Es gibt so viele Bindungen, in denen ich mich befinde, die ich ja auch nicht aufgeben will.
 
Je älter wir werden, desto stärker sind die Bindungen zu Menschen, die Verpflichtungen in der Arbeitswelt, Verantwortlichkeiten innerhalb der Familien und auch unter Freunden. Der Alltag und alles, was damit zusammenhängt, hat mich in seinen Fängen und es erscheint meist unmöglich ihn hinter sich zu lassen. Oft ist es nicht einmal möglich, mit den Gedanken aus dem Alltag zu entfliehen.
Und wenn ich es noch so gerne wollte, ich scheitere an den äußeren Bedingungen. Ich scheitere aber auch an mir selbst, an meinen eigenen Vorsätzen, weil ich meist nicht den Mut habe, diese umzusetzen. Die Ängste vor tiefgreifender Veränderung sind zu groß. Die Ängste überhaupt einen Schritt zur Veränderung zu tun erscheinen unüberwindlich. Es ist zu ungewiss, was kommt.
Ich habe auch kein oder zu wenig Vertrauen, dass das, was kommt, besser, lebbarer, beglückender sein könnte, als das bisher gelebte.
 
Doch wie werde ich es herausbekommen, wenn ich das Wagnis eines Neuanfanges nicht eingehe? Was brauche ich, was brauchen wir alle, um uns herauszubewegen aus Lebenssituationen, die für uns nicht mehr lebenswert erscheinen?
 
Ein neuer Geist, ein neuer Aufbruch, wie wichtig wäre das für mich, für uns, ja für die ganze Gesellschaft! Danach schreit doch diese Zeit, in der wir uns befinden, gerade.
Eine Zeit, die uns so komplett auf uns selbst zurückwirft, auf die Nöte, die unsere Seele und unseren Geist bedrängen. Auf die Ängste, die heraufziehen, was denn nach dieser Zeit sein wird.
 
Der Text, den wir als Schriftlesung gehört haben, verspricht genau das, was ich mir für unsere Zeit wünsche: einen neuen Geist, der die bisherigen Verfehlungen und Verirrungen hinter sich lässt. Der Text stammt aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert. Eine finstere Epoche war das damals für das jüdische Volk. Die babylonische Großmacht hatte das Land erobert, Jerusalem mitsamt dem heiligen Tempel zerstört und Tausende aus der Heimat fortgeschleppt. Die im Land Zurückgebliebenen fristeten inmitten der Trümmer ein trostloses Dasein, ohne Perspektive, scheinbar auch ohne Gott. Sie fühlten sich von Gott verlassen und für immer verstoßen. Der Prophet Jeremia aber sah das anders.
 
Vor dem militärischen Zusammenbruch hatte er dem Volk immer streng die Leviten gelesen, Unrecht und politische Willkür angeprangert. Nun aber schlägt er einen neuen Ton an und wendet sich mit einer hoffnungsvollen Botschaft an seine Landsleute:
 
Jer 31, 31 – 34 Der neue Bund
31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
 
Es soll alles anders werden, ruft Jeremia. Auch ihr selbst sollt anders werden. Gott fängt mit euch neu an. Dieser Anfang greift tief in euer Innerstes hinein. Neues Herz, neuer Sinn, neuer Geist. Neue Lust an Gott und seinem Wort: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ Das jüdische Volk soll auferstehen wie Phönix aus der Asche. Wieder Freude haben an seinem Gott. Seine Gebote nicht mehr als Diktat und Einengung empfinden, sondern als hilfreiche Weisung zu einem erfüllten Leben, die Gebote sich ganz zu eigen machen.
 
Diese wunderbare Zusage ist zu schön, als dass sie auf das sechste vorchristliche Jahrhundert beschränkt bleiben dürfte. Wenn Gott ein lebendiger Gott ist, gilt seine Verheißung über die damalige Zeit hinaus bis hinein in unsere Gegenwart. Dann ist sie frohe Botschaft auch für uns.
 
Es geht nicht mehr darum, dass Gott einen Bund anbietet, den Menschen vorübergehend halten können und an dessen Ansprüchen sie dann auf Dauer scheitern werden. Weil die noch so guten Vorsätze vom Alltag weichgespült, abgeschliffen, langsam aber sicher unterhöhlt werden – bis sie zusammenbrechen und nur noch Trümmer übrig sind.
Nein, der neue Bund, von dem Jeremia spricht, ist ein neuer Bund, weil er ganz anders ist. Gott selbst will dafür sorgen, dass Menschen ihn halten können. „Siehe, es kommt die Zeit!“
Es kommt die Zeit, dass Entscheidungen, innere und äußere Aufbrüche nicht mehr losgelöst von dem Vorsatz fallen, ein Leben mit Gott zu führen. Gott wird im Innersten des Menschen immer mit dabei sein.
Ich werde nicht mehr Gott los sein!
 
Das klingt gut. Klingt wunderbar. Aber wird das Wirklichkeit in unserer Zeit? Mehr noch: Wie wird es Wirklichkeit in meinem Leben?
Gelingt es mir denn, mein Leben in der Hoffnung und in dem Vertrauen zu leben, dass Gott immer wieder an mir arbeitet? Dass der Heilige Geist, der Geist Gottes in meinem Herzen einzieht?
 
Dieser Geist, Gott selbst, ist nichts Abgehobenes. Er wirkt mitten in menschlichen Erfahrungen. Er weiß um unseren Alltag, der immer wieder die guten Vorsätze weichspült. Er weiß um unseren Alltag, der immer wieder den Mut für Neuanfänge, für Aufbrüche klein redet. Er wirkt mitten im Herz, unserem Lebenszentrum.
 
Den Bund mit Gott im Herzen zu erleben und zu leben kann heißen, dass unser Herz sich nicht verlieren soll in den Kleinigkeiten des Alltags.  Unser Herz soll bei Gott sein und sich immer wieder neu von ihm stärken und ermutigen, trösten und heilen lassen. Das heißt aber auch, unser Herz kann und soll sich öffnen für das, was Gott uns in seinem Bund vermittelt, was er uns in die Herzen schreibt: „Mach dich auf den Weg, nimm dein Leben in die Hand, verharre nicht in deiner Öde und Traurigkeit. Durchlebe sie, lerne daraus und lass dich dann von meinem Geist anstecken. Dann werden Kräfte in dir frei, wie du es nie vermutet hättest. Dann werden Ströme lebendigen Wassers von dir ausgehen, zur Belebung und Erquickung für andere. Sei mit deinem Herzen dann bei denen, die sich schwer tun mit dem Leben und mit sich selbst, die an der Öde und Trockenheit ihres Lebens leiden und denen es an lebendigem Wasser fehlt.“
 
„Gib uns Ohren, die hören und Augen die sehen und ein weites Herz, andere zu verstehn. Gott gib uns Mut unsre Wege zu gehen!“
 
Mit diesem Lied im Ohr im Vertrauen auf Gottes Geist in meinem Herzen fühle ich mich gestärkt und aufgerufen, nicht nur mein sicher nicht immer leichtes Leben zu beklagen, sondern es voller Mut in die Hand zu nehmen und neue Aufbrüche zu wagen.
 
Der heutige Sonntag Exaudi (Herr, höre meine Stimme) lädt uns in besonderer Weise zum Bitten ein. Und so bitte ich für uns alle:
Gott, „gib uns Boten Kraft und Mut, Glauben, Hoffnung, Liebesglut, und lass reiche Frucht aufgehn, wo wir unter Tränen sä`n. Und lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser Zeit und mit unserer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft.
 
Amen
 
 
Wochenspruch

Christus spricht: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,32)

 
Lieder

  • EG 501, 1 – 4 „Wie lieblich ist der Maien“
  • EG 262, 1 + 5 – 7 „Sonne der Gerechtigkeit“
  • NL 116, 1 – 4 „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“