Satt werden, satt machen

Predigt zum Sonntag 27.9.

Liebe Gemeinde!

Wir feiern heute Erntadank-Gottesdienst. Wir danken allen, die mit ihren Spenden dazu beigetragen haben, dass wir wieder einen so bunten Erntealtar zusammenstellen konnten. Wir freuen uns, dass trotz Coronazeiten geerntet werden konnte und die Ernten reichlich waren - die Äpfel, auch die Trauben. Alle Spenden für den Erntealter geben wir an bedürftige Familien im Kleinen Bol.

Anspiel zum Erntedank
A    Den Zehnten geben - das habe ich schon oft gehört.
B    In manchen Freikirchen wird der erbeten statt der Kirchensteuer.
A    Geben die eigentlich vom Nettolohn oder Bruttolohn den Zehnten?
B    Das ist vermutlich den Leuten freigestellt.
A    Den Zehnten geben - das ist doch längst überholt.
B    Wieso?
A    Wir zahlen doch schon Steuern: Lohnsteuer, Mehrwertsteuer, Arbeitslosensteuer, Kranken- und Pflegeversicherung, Verbrauchssteuer, KFZ-Steuern, Solidarzuschlag, … und alles kommt auch allen zugute – das ist mehr als der Zehnte.
B    Dennoch gibt es bei uns immer noch Arme und Hilfsbedürftige.
A    Das muss der Staat regeln, der die Gelder verteilt.
B    Aber offenbar klappt das nicht. Viele Initiativen, die Armen helfen, brauchen privates Geld.
A     Das verstehe ich sowieso nicht. Mir reicht, was ich an Steuern zahle. Viel interessanter finde ich: Steuern sparen! Außerdem machen die Sozialabgaben ja bereits einen großen Teil des Staatshaushaltes aus.
B    Weißt Du wieviel? Und was dazu gehört?
A    2019 waren es 1 Billion und 40 Mrd nach einer Statistik.
B    Wieviel Mrd waren davon Sozialhilfe?
A    40 Mrd
B    Also 4 % davon gehen an die Armen!
A    Aber den Armen kommen auch die Arbeitslosenhilfe, Krankenversicherung u.a. zugute.
B    Allein die Beamtenpensionen liegen bei 63 Mrd, das sind das 1,5 fache der Sozialhilfe!
A    Das ist die Realität, dennoch verhungern muss niemand bei uns.
B    Aber was ist in anderen Ländern?
A    Auch da wird geholfen, die Anzahl der Hungernden sinkt seit Jahren.
B    Du siehst doch hier unseren Erntedankaltar. Wir haben wieder eine gute Ernte. Meinst Du nicht, wir sollten danken und mehr abgeben?

Predigt
Ja, wie ist das? Reicht das, was wir geben? Sollen wir mehr geben?

Ich wurde erschüttert. Am Dienstag klingelte es an der Tür. Eine alte Bekannte stand vor mir. Sie kam von einem Zirkusbetrieb. Seit Jahren bittet sie um Hilfe. Wir kommen immer in ein längeres Gespräch.
Dieses Jahr war es besonders schlimm. Wegen der Coronapandemie gab es keine Vorstellungen, dann welche mit ganz wenig Zuschauern. Aber die Menschen und Tiere brauchen gleich viel zum Essen.
Alle ihre Autos und Wagen wurden vom Staat stillgelegt. Sie hatten kein Geld, um sie auf Vordermann zu bringen. Es fehlt an Geld für Gas zum Kochen, Warmwasser, Heizen. Strom ist vorhanden.
Wasserversorgung eher schwierig. Die Kinder kommen in die Schule, brauchen Materialien. Seit 300 Jahren ist die Familie im Schaustellerbereich. Vom Staat kamen noch keine nennenswerten Hilfen.
Was noch schlimm ist, der Rassismus. Sie werden angefeindet. Es wurde sogar schon auf ihre Wagen geschossen bei Leipzig. Ein Zirkuszelt wurde nachts angezündet. Sie hätten alle verbrennen können. Sie werden von Rechten belästigt. Provokativ tauchen sie auf dem Platz auf.
Und das nach der Geschichte des 3. Reiches. Viele ihrer Sinti Familie kamen im KZ um. Zwillinge ihrer Tante starben durch Versuche des Dr. Mengele. Sie erzählte noch mehr davon. Kaum zum Aushalten.

Viele dieses Berufsstandes und andere Kleinkünstler kämpfen ums Überleben. Sicher, sie werden nicht verhungern, aber reicht das.

Ich finde den biblischen Text unglaublich aktuell. Dabei ist er 3000 Jahre alt. Er denkt an solche armen Menschen, an Fremdlinge unter uns, solche die uns fremd sind. Verwaiste und Alleinstehende sollen versorgt werden. Witwen, - da frag ich mich, gab es keine Witwer, offenbar nicht. Ein Mann konnte sich wohl immer eine Frau nehmen oder hatte Besitz.

Die Not ist trotz aller staatlichen Hilfe groß bei Menschen unter uns. In Coronazeiten hat sich die Lage verschärft.
Not gibt es in vielen Ländern dieser Erde. Steuern allein reichen nicht. Gute Ernten machen nicht alle satt.
Den Zehnten zusätzlich geben für Arme. Das kann jeder für sich entscheiden oder ob er sagt, die Steuern reichen, müssen reichen oder ich gebe mehr. Gerechtigkeit ist Sache des Staates. Unbestritten brauchen wir gerechten Welthandel und eine faire Politik. Aber bis dahin sind viele verhungert.
Bilder Notleidender machen einem ein schlechtes Gewissen, auch weil wir immer mehr erkennen, unser Reichtum ist mit der Armut anderer verknüpft.

Der Bibeltext aber ist da gar nicht so missmutig. Der Mann mit der guten Ernte soll es sich gut gehen lassen.
„Gib das Geld für alles, woran dein Herz Lust hat, es sei für Rinder, Schafe, Wein, Bier oder für alles, was dein Herz wünscht, und iss dort vor dem HERRN, deinem Gott, und sei fröhlich, du und dein Haus.“
Nur, lass andere daran teilhaben, z.B. die, die kein Erbe haben wie die Leviten.: Gib wenigstens alle drei Jahre den Zehnten: „Alle drei Jahre sollst du aussondern den ganzen Zehnten vom Ertrag dieses Jahres und sollst ihn hinterlegen in deiner Stadt.“
„Dann soll kommen der Levit, der weder Anteil noch Erbe mit dir hat, und der Fremdling und die Waise und die Witwe, die in deiner Stadt leben, und sollen essen und sich sättigen, auf dass dich der HERR, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hand, die du tust.“ Dafür soll der Zehnte hinterlegt werden. Wir würden sagen eine Sozialkasse soll gebildet werden, damit niemand hungern muss. Eine starke Initiative für die Armen.
Darauf liegt der Segen Gottes. Satt werden und satt machen. Also lasst uns freuen und dankbar sein für alle Ernte dieses Jahres, für alles, was wir für uns verbuchen konnten. Die tollen Früchte bunt und schön.
Der Schatz liegt im Acker, von dem wir leben. Dafür lasst uns Gott danken, dass die Erde bereithält, was wir zum Leben brauchen. Es reicht für alle. In der Geschichte der Speisung der 4000 zeigt Jesus, wenn geteilt wird, werden alle satt. Amen.
 

Wochenspruch

"Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium." (2. Timotheus 1,10b)
 

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Gottesdienst-Tipp

Livestreaming-Gottesdienst zu Ordniation der Reutlinger Vikare aus der Marienkirche um 14 Uhr