Schutzschicht des Lebens

Predigt zum 18. Oktober 2020 von Pfarrerin Ursula Heller

Liebe Gemeinde!

Zur der Zeit, als der Epheserbrief geschrieben wurde, wurden die Menschen als Erwachsene getauft. Die, die getauft werden wollten, kamen mit ihren alten Kleidern zur Taufe, oft waren es einfache, dunkle Kleider, Bußgewänder sagte man dazu. Das alte, dunkle Büßergewand legten sie dann ab und stiegen nackt ins Taufbecken, den alten Menschen tauchten sie unter, Luther sagt es drastisch: Der alte Adam wird ersäuft. Kaum stiegen die Neugetauften aus dem Wasser, wurde ihnen ein weißes Gewand angezogen. Im Epheserbrief heißt es: "Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist."
 
Es geht also darum, dass Menschen innerlich verwandelt werden, neu werden, wenn sie getauft worden sind. Äußerlich sichtbar war es damals durch den Kleiderwechsel nach der Taufe.

Bis heute werden ja manchmal weiße Taufkleidchen über Generationen in der Familie vererbt. Der Schreiber des Epheserbriefes kennt nicht nur das Bild vom Kleiderwechsel, sondern sagt auch, dass wir Christen seit der Taufe versiegelt sind mit dem Heiligen Geist.
Wir versiegeln unsere Böden, Parkett zum Beispiel, damit sie nicht beschädigt werden. Oft schenkt man Kindern zur Taufe ein Kettchen mit einem Kreuz, sie bekommen immer ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet, sie gehören also zu Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Wir sind so unsichtbar versiegelt und geschützt, damit Schmutz und Dreck, die Spuren des Lebens also, uns nichts anhaben können.
 
Aber: Die Schutzschicht auf dem Parkett des Lebens wird dünner. Dieser innere Mensch, von dem der Schreiber des Epheserbriefs spricht, verliert sein Strahlen. Es ist so, als ob der alte Mensch wieder die Oberhand gewinnt, oder drastischer, die teuflischen Mächte, also die, die Hass und Zwietracht säen, Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit.
 
Heute haben wir Taufe gefeiert. Der eine oder die andere hat sich vielleicht erinnert, wie Sie selbst Ihre Kinder zu Taufe gebracht haben. Bei der Taufe erbeten wir den Schutz und die Begleitung Gottes für unsere Kinder.
Wir haben gehört, wie das Leben eines getauften Menschen aussieht; eines Menschen, der zu Christus gehört.
Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat!
Da ist die Rede davon, dass Christen aufeinander achten, sich gegenseitig helfen, Verantwortung übernehmen.

Dass sie freundlich und herzlich miteinander leben und einander vergeben, so wie es ja auch unser Briefschreiber seiner Gemeinde mitgibt.
 
Und doch verblassen klare Worte, wir reden gerne von den Sachzwängen, denen wir unterworfen sind, wir geben zu, dass wir oft zu bequem sind, um wirklich konsequent anders, nämlich nachhaltiger zu leben, und ehrlicherweise reden wir von der ständigen Anspannung, unter der wir leben, dem Druck, der im Beruf herrscht, in der Familie, auch im privaten Umfeld, wo jeder genau hinschaut, was der andere macht.
 
Dann sind sie schnell da: Lüge und Zorn, Bitterkeit und Geschrei. Schon ist das weiße Kleid schmutzig, ist der neue Mensch beschmutzt von Sünde und Schuld. Die schmutzigen Kleider stopft man in die Waschmaschine, der Riss in der Hose wird genäht. Aber was machen wir mit dem inneren Menschen, der befleckt und schmutzig geworden ist?
 
Wieder kann uns der Blick in den Epheserbrief helfen. Von Anfang an beschäftigten sich Gemeinden damit, wie sich der Glaube der neuen, der getauften Menschen im Alltag bewährt. Wir lesen von vielen Konflikten, davon, dass Bedürftige zu wenig Hilfe erfahren, und auch davon, dass Gemeinden mutlos wurden. Erneuert euch in eurem Geist und Sinn, fordert der Briefschreiber die Menschen in Ephesus auf. Er schreibt das denen, die schon getauft sind und doch wieder neu zu einem Leben mit Christus und gegen die teuflischen Mächte ermuntert werden müssen.
Er erinnert daran, dass es mit dem Glauben im Inneren nicht getan ist. Das Leben eines Christen strahlt in die Welt, es ist hörbar in dem, was einer sagt, es ist sichtbar in dem, was eine tut.
 
Diese Zeit, in der wir gerade leben, fordert uns ganz besonders heraus in unserem Tun. In dem, wie sich unser Glaube als getaufte Menschen im Alltag bewähren kann.

Vorschriften und Regeln bestimmen gerade unsere Zeit. Wir sind aufgerufen, das Leben zu schützen, unser eigenes, aber auch das von unserem Nächsten. Das Leben zu schützen heißt aber nicht, über den anderen zu bestimmen, ihm oder ihr vorzuschreiben, was er oder sie zu tun hat. Ihn oder sie zu reglementieren und auch zu bestrafen, wenn Regeln und Vorschriften nicht eingehalten werden.

Nein, das Leben zu schützen heißt, gemeinsam nicht zu vergessen, über die Schönheit und den Reichtum des Lebens zu staunen und sich gemeinsam an diesem Leben zu freuen. Innerlich wieder mehr zueinander zu rücken, um wahrzunehmen, was den anderen bedrückt, warum er oder sie eben nicht mehr staunen kann, weil Sorgen niederdrücken, so dass die Seele weint.

Auf Abstand gehen heißt nicht, meinen Nächsten in seinen Nöten im Stich lassen, sondern ihn als ganzen Menschen wahrzunehmen und auf die leisen Töne zu hören.
Nicht in Ängsten zu erstarren, sondern sich weiterhin ins Leben zu wagen, sich dem Leben zu stellen.

Einem Leben, in dem wir keine Garantie haben, dass Krankheit und Tod uns verschonen. Diese Garantie kann uns kein noch so ausgeklügeltes Hygienekonzept geben. Diese Garantie hat es noch nie geben.

Nur gemeinsam lassen sich Krisen bewältigen, aber nicht in ängstlicher Zurückgezogenheit, in begierigem Schauen auf die Fehler und Vergehen des anderen, sondern in einem frohen und offenen Miteinander, das den anderen wahrnimmt, sieht, hört und zumindest innerlich spürt!
Durch so eine Haltung glaube ich, dass wir den Heiligen Geist nicht beleidigen. Indem wir aufstehn, aufeinander zugehn, voneinander lernen miteinander umzugehen. Und uns nicht entfernen, wenn wir etwas nicht verstehn. So leben wir den Glauben, dass Gott uns eben nicht den Geist der Furcht gegeben hat, sondern der Kraft, der Liebe, der Besonnenheit und der Zuversicht!
Amen

Pfarrerin Ursula Heller
 

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