Vergebung

Predigt zum Sonntag 28.6.

Liebe Gemeinde,

Wir hören den Predigttext Micha 7,18-20
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Im Blick auf den Zustand der Erde und den Verhältnissen der Welt kann uns nicht vergeben werden. Uns darf nicht vergeben werden, denn wir wissen, was wir tun. Jede und jeder kann das wissen. Wissen reicht aber nicht.

Was wir brauchen sind starke Bilder und Worte, wie sie Propheten wie Micha gebrauchten. Wir brauchen eindringliche Bilder und Eindrücke, die uns verändern. Ohne die Bilder der Toten von Italien wäre wohl kein Ruck durch unsere Gesellschaft gegangen. Ohne die Bilder aus den KZs, wäre wohl unser Grundgesetz nicht so wie es ist? Aber wie lange halten Bilder und Worte?
„Ich erinnere mich, wie wir nach der Befreiung der Vernichtungslager dachten, nach Auschwitz würde es nie wieder Krieg, Rassismus, Hass und Antisemitismus geben. Wir haben uns getäuscht. Und das ruft eine Empfindung wach, die an Verzweiflung grenzt. Denn wenn es Auschwitz nicht gelang den Rassismus zu heilen, was könnte sonst dazu führen? Wir müssen zugeben, die Welt hat nichts gelernt“, schrieb Elie Wiesel, ein KZ-Überlebender 2012.

Erschütternd seine Beurteilung, ernüchternd im Blick auf Geschehnisse des Jahres.
Nichts gelernt. Deswegen ist das Buch Micha immer wieder aktuell aus dem Bücherschrank der Bibel geholt worden. Es enthält eine schonungslose Kritik der verfahrenen gesellschaftlichen Verhältnisse, die schlimme Folgen zeitigten. Wer das Buch zur Hand nimmt, wird hineingezogen in einen Strudel von Übertragungen und Vergleichen in unsere Zeit.

Micha 6: »Wie lange noch häufen Verbrecher in dieser Stadt Schätze in ihren Häusern auf, die sie durch Betrug an sich gebracht haben?«, sagt der Herr. Ich muss diese Stadt schuldig sprechen, weil ihre Reichen brutale Ausbeuter sind, weil alle ihre Bewohner lügen und betrügen!“
So ging es im Volk zu, Ist es heute anders? Nicht nur Menschen auch unseren Mitgeschöpfen werden brutal ausgebeutet.

Wie soll ich von Vergebung und Gnade für alle predigen?
Dietrich Bonhoeffer warnte vor billiger Gnade. 1937 schrieb er im Buch Nachfolge: „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Billige Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekennen der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen menschgewordenen Jesus Christus.“

Der Predigttext sind die letzten Worte des Prophetenbuches Micha. Wir machten es uns aber zu leicht, wenn wir hinten anfangen und das davor vernachlässigen. Manche schlagen bei Büchern zuerst das Ende auf, Happy End, Ja oder Nein. Bei Nein eher weniger Lust zum Lesen von Anfang an. Das Buch Micha geht gut aus, endet mit Hoffnung, aber der Weg bis dahin ist ein langer Weg mit vielen Verfehlungen und Opfern. Es brauchte die Einsicht in das eigene Fehlverhalten.

Die Lage zurzeit Michas schien aussichtslos, die Vernichtung unabwendbar. In der Not wird letzte Hoffnung wach: „Ich will des Herrn Zorn tragen – denn ich habe wider ihn gesündigt – bis er meinen Rechtsstreit führe und mir Recht schaffe.“ (Micha 7,9) Gott soll mein Richter sein. Ihm offenbare ich Alles. Er soll entscheiden. Das Recht soll er wiederaufrichten, auch wenn es mich verurteilt. Die Lage war ernst. Die Lage ist ernst.

Bevor der Richterspruch ertönt, wird das Geschehen aufgearbeitet, werden Ursachen erforscht und Schuld benannt. Ein Herausreden unterbindet der Prophet von vorneherein, denn: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert; nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8) Wir wissen, was gut ist für uns und unsere Mitmenschen, und nicht nur wir in den Kirchen. Wir alle wissen auch, was den Tieren, den armen Schweinen, gut tut. Wir wissen wieder mehr, was gute Luft ist und wie saubere Strände und Gewässer aussehen.

Wir ahnen, dass es nichts nützt, nur wenige werden was ändern. Schon wieder sitzen Schnäppchenjäger zuungunsten der Ärmsten in den Startlöchern.
Was kann unsere Hoffnung sein? Nicht billig Gnade versprühen, nicht vertröstend wirken.
Ehrlich gesagt, es macht mich sprachlos, wenn ich sehe wie wir gegen besseres Wissen handeln.
Da fehlen einem die Worte. Da bleibt mir nichts anderes wie den Zeitgenossen Michas, als mich ehrlich an Gott wenden und auf eine Wendung hoffen. Ich kann nur Micha reden lassen.

„HERR, wo sonst gibt es einen Gott wie dich? Allen, die von deinem Volk übriggeblieben sind, vergibst du ihre Schuld und gehst über ihre Verfehlungen hinweg. Du hältst nicht für immer an deinem Zorn fest; denn Güte und Liebe zu erweisen macht dir Freude. Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld wegschaffen; du wirst sie in das Meer werfen, dort, wo es am tiefsten ist.“ (Gute Nachricht)

Wir Christen sehen und erkennen eine Antwort in Jesus Christus. Es war keine billige Gnade. Gott ist bereit zu vergeben. Das Kreuz wurde aufgerichtet, als Zeichen der Härte der Welt und als Zeichen der Liebe Gottes. Amen.    

Pfarrer Bernd Küster
 
 
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Wochenspruch
Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19, 10
 

Lieder

  • Morgenlicht leuchtet (EG 455)     
  • Gott, der du alles Leben schufst (EG 211, 1-5)

 
Gottesdienst-Tipp
Livestreaming-Gottesdienst aus der Kreuzkirche Reutlingen mit Pfarrer Stephan Sigloch (So 10:15 Uhr)

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