Vergelte niemandem Böses mit Bösem

Predigt zum Sonntag 4.7.

Predigttext Römer 12,17-21
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.


Liebe Gemeindeglieder,

vergeltet niemandem Böses mit Bösem.

Was ist Böses? Gestern beim Autofahren. Einer drängelt sich in die Autoschlange vor mir ein. Natürlich eine dafür bekannte Automarke. Frechheit. Böse Gefühle. Ich mache die Lücke kleiner. Spüre Hass. Flüche. Ist das schon das Böse? Oder ist das ein nur lächerliches Beispiel, ohne Bedeutung?
Warum reagiere ich so? Steckt da mehr dahinter? Zu kurz gekommen, ich kann mir so ein Auto nicht leisten… oder was?

Man könnte auch ganz anders reagieren. Bremsen. Großzügig reinlassen. Gelassen bleiben.
An was dachte der Paulus? Autorennen gab es noch nicht, vermutlich auch nicht Eselrennen. Dachte er an Verleumdungen und Unwahrheiten?
An wen richtete sich sein Schreiben?

Paulus schreibt an die Gemeinde. Um sie geht es. Er schreibt nicht an jedermann oder jede Frau. Es geht zunächst auch nicht um Politik und Gesellschaft. Sondern um das Zusammenleben in der Gemeinde. Es geht um die Außenwirkung der Gemeinde und seiner Glieder, also um uns hier. Das Leben im Staat ist anders geregelt. Im Kapitel danach schreibt er: Der Staat vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut.

Anders soll es in der Gemeinde sein. Anders sollen sich die Gemeinde-glieder verhalten und das nun gegen jede Frau und gegen jedermann. Da soll dem Bösen nicht mit Strafe begegnet werden, sondern mit Gutem. So kann es überwunden werden.

Der Hintergrund, die Gemeinde ist klein. Die Schar der Christen besitzt keine Macht. Um ihr Bestehen nicht zu gefährden, ist Zusammenhalt und ein gutes Bild nach Außen wichtig. Wer Böses tut oder Unfrieden stiftet, gefährdet das Ansehen der Gemeinde. Wer private Rache übt, macht das Evangelium von Jesus unglaubwürdig. Ein gewaltiger Imagesschaden wäre die Folge. Siehe Missbrauch heute.

Als die Kirche mächtiger wurde, missbrauchte sie ihre Macht, zuerst gegen Juden und später richtete sie Menschen etwa als Ketzter hin. Martin Luther dichtete im Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ vom altbösen Feind, Gemeint war der Papst und sein Machtgebaren. Mächtig geworden verließ die Kirche den Pfad des Paulus in der Nachfolge Jesu. Manche bekamen das zu spüren als schwarze Pädagogik vieler Kirchenleute. Böse Kinder wurden böse bestraft, vermutlich bis heute. Davon könnte ich aus meiner Erfahrung als Seelsorger viel erzählen. Nicht wenige sind deswegen aus der Kirche ausgetreten.
Es geschah, was schon Paulus befürchtete, ein riesiger Imageschaden. Von Liebe wurde gepredigt, gehandelt wurde anders. Statt der Feindesliebe wurden Feindbilder aufgebaut. Juden, Türken, Muslime, Kommunisten, Homosexuelle, Andersgläubige... habt Frieden mit jedermann sieht anders aus. Die Rache überließ man selten Gott. Vermutlich aus Angst, Gott könne ganz anders handeln wie in der Jonageschichte. Da ließ Gott ab vom Zorn gegen eine Stadt, ganz zum Missfallen des Propheten Jona. Er hatte gegen die Stadtbewohner gewettert. Vermutlich ist da auch noch die Angst, Gott könne sein Urteil gegen einen selbst richten, denn wer ist ohne Schuld? Wer vergisst leicht das eigene Böse in sich? Wer sieht nicht den Splitter in des anderen Auge, aber nicht den Balken in seinem eigenen?

Paulus richtet seine Worte an die Gemeinde und Kirche, an ihre Glieder und nicht an andere oder an die vermeintlichen Feinde. Wir sollen so leben, was die anderen machen, das steht nicht an erster Stelle. Für Recht und Ordnung sorgt der Staat. Er bestraft die, die Böses tun.

Wir haben anders zu wirken. Hier passt das Bild von der Hefe im Sauerteig oder vom Salz in der Suppe. So sollen wir wirken in der Gesellschaft. Beispielhaftes Handeln ist gefragt. Wie geht eine Gemeinde mit Menschen, die Böses tun, um. Sie antwortet nicht mit Bösem. Ein kleines Beispiel. Es war in einer anderen Gemeinde ein Konfirmand, der führte sich mächtig auf. Er zerstörte Dinge in der Kirche. Bei einem Jugendgottesdienst warf er belegte Brötchen aus dem Fenster. Wie damit umgehen? Anzeige? Eltern melden? Wir versuchten es anders. Erst mal fragen und hinterfragen. Was triebt ihn dazu? Ich erfuhr, sein Vater ist Trinker und schlägt ihn, oft ohne Grund. Das Zuhause ist zerrüttet. Was nützen da Strafen? Beziehungsarbeit war gefragt. Am Ende kehrte er mal vor der Kirche. Wir hatten netten Kontakt. Mag sein, ein kleines Beispiel.

Verbrecher werden wir dem Staat übergeben. Zum einen, weil wir vertrauen, unser Staat richtet gerecht und hat Reintegration als Aufgabe. Uns bleibt die Aufgabe in der Gefangenenseelsorge, ihm Gutes zu tun, ihn nicht auf sein Böses festzunageln, sondern Vertrauen erwecken und helfen.
Ich vermute jedem fallen noch Erfahrungen, Erlebnisse und Situationen ein, in denen er nach Paulus handeln hätten können und es in Zukunft so machen könnte. Es sind oft kleine Dinge, manchmal Nachbarstreitigkeiten, manchmal Hass in den Medien.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem.

Dazu eine indianische Weisheit. Ein alter Indianer erzählt seinem Sohn am Lagerfeuer von zwei Wölfen:“ Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Neid, Eifersucht, Egoismus und Missgunst. Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.“ Der Sohn fragt: Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“ Der alte Indianer schweigt eine Weile. Dann sagt er: „Der den du fütterst.“ Amen.
 

Wochenspruch

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6, 2)
 

Liedvorschläge

  • Lied EG 449,1.4 Die güldne Sonne
  • Lied EG 424, 1-3 Deine Hände großer Gott       
  • Lied NL 93, 1-3 Wo Menschen sich vergessen
  • Lied EG 503, 1.13.14 Geh aus mein Herz