Verschwenderische Liebe

Liebe Gemeinde, in dieser Zeit hören wir eine Geschichte der Bibel, in der Jesus in das Haus eines Aussätzigen ging. Unklar bleibt, was für ein Aussatz das war. Wie ansteckend war er? Sah man ihm den Aussatz noch an? War der Aussätzige geheilt? Trug das Haus nur noch diesen Namen?

Es drängt sich die Frage auf, ginge Jesus heute auf Corona-Kranke zu? Ich vermute Ja, aber so, dass er damit nicht das Leben anderer gefährdet.
Um ansteckende Corona-Kranke mit dem Ziel der Heilung bemüht sich das medizinische Personal aufopfernd. Wofür wir immer wieder danken können. Im Krankenhaus ist aber nicht nur fachliche Arbeit gefragt, sondern auch Zuwendung zum Einzelnen. Für Ärzte ist es sicherlich besonders schwer, wenn sie Patienten nicht heilen konnten. Ohne die vielen Hilfsmittel müssten die Kranken „ausgesetzt“ separiert werden wie zurzeit Jesu die Aussätzigen.
 
In diesen Tagen telefonierte ich mit einigen Älteren. Sie berichteten von einer neuen Erfahrung: Jüngere machten einen Bogen um sie, wenn sie ihnen begegnen, als ob sie Aussatz hätten. „Logisch, dass sie uns ausweichen, aber doch ein komisches Gefühl.“ 
Damit sind wir schon ein wenig in der Geschichte, die uns der Evangelist Markus erzählt:
 
Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.      (Markus 14, 3-9  Predigttext zum Palmsonntag)
 
Die Geschichte lässt sich gut an. Jesus geht in das Haus eines Aussätzigen. Vermutet wird, der Aussätzige war geheilt. Jesus setzt sich mit seinen Jüngern zu ihm an den Tisch. Aussatz sieht übel aus und riecht übel. Aber so mögen wir Jesus. Er geht zu denen, mit denen keiner was zu tun haben will. Er sitzt bei denen, zu denen wir nicht gehören wollen. Er besucht die Armen. Wer will schon arm sein.
 
Im Haus des Aussätzigen fühlt sich Jesus wohl. Hier ist er richtig. Den Aussätzigen das Evangelium. Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Wie schwer haben es die Reichen in den Himmel zu kommen. Den Jüngern war manchmal unwohl.
Aber die Leute auf der Straße hören das gern. Wettern gegen die Reichen, gegen die gebildeten Eingebildeten. Die könnten vielmehr abgeben. Was ist schon eine Million für einen, der viele besitzt. Diese Egoisten, gerade heute müssten sie teilen, nicht nur Almosen geben.
 
Während sie so schön um den Tisch sitzen, geht die Tür auf. Gerade beim Essen stört jemand. Herein kommt eine Frau. Zielstrebig geht sie auf Jesus zu. Sie hat ihn wohl gesucht. Sie zerbricht ein schönes kleines Fläschchen und gießt teures Salböl auf sein Haupt.
Unglaublich unverschämt im Haus des Aussätzigen. Vermutlich fuhr sie Jesus mit ihren schönen Händen durchs Haar und massierte zärtlich das Salböl ein. Er ließ es sich gefallen. Er genoss es.
Die Jünger bekommen einen dicken Hals. Wie eine frustrierte Männergruppe sehe ich sie sitzen und höre, Unmut lauter werden. „So eine Vergeudung“, platzt es aus dem Ersten, „Das teure Salböl.“ In welch krassen Gegensatz steht das zum Haus und der Botschaft Jesu. Ein Affront gegen den Aussätzigen, den keiner zu berühren wagte. Mit dem Geld hätten er und seine Familie zwei Jahre leben können.
 
Sie gehen auf die vermutlich reiche Frau los: Was fällt dir ein? Das Öl hätte man verkaufen können und das Geld den Armen geben. Für so was haut ihr Reichen das Geld raus, aber Hunger und Armut interessieren euch nicht. Hauptsache die Reichen riechen gut, die Haare schön und reine Haut. Pecunia non olet – sagt der Lateiner – Geld stinkt nicht.
Aber Gerechtigkeit ist euch … egal. Und wer weiß, was sie noch alles sagten.
 
Recht haben sie allemal. Sie sehen sich auf der guten Seite, auf der Seite ihres Meisters. Von ihm haben sie den geschärften Blick für Gerechtigkeit und die Solidarität mit den Armen. Er ist Gottes Anwalt der Benachteiligten.
 
Jesus, was macht der? Er nimmt die Frau in Schutz. „Lasst sie in Frieden. Sie hat Gutes an mir getan. Wenn ihr Armen helfen wollt, dann tut es. Es wird immer Arme geben. Da habt ihr viele Chancen für gute Werke. Aber mich, mich habt ihr nicht mehr lange bei euch. Mich werdet ihr verlieren. Die Frau hat ein Zeichen gesetzt. Sie hat mich gesalbt für mein Begräbnis. Wie einen König hat sie mich behandelt. Ihren Herzenskönig.“
 
Sagt Jesus damit nicht: Passt auf, dass ihr in eurem berechtigten Ruf nach Gerechtigkeit, den einzelnen Menschen nicht überseht. Seht zu, dass ihr Moral nicht über Liebe stellt. Das kann religiösen Menschen leicht passieren. Sie sehen sich oft als Hüter der Gesetze und Moral.
 
Die unbekannte Frau hat ein Zeichen ihrer Liebe gesetzt, mag sein unbedacht, ohne jede Berechnung. Es ging ihr nicht ums Geld. Zärtlichkeit und Berührung, wie gut tut das. Wir spüren das in diesen Tagen, wo wir darauf verzichten müssen. Neben aller finanziellen Unterstützung brauchen wir Zuwendung. Das Gefühl, ich bin anderen wichtig.
 
Das fasziniert mich an der Geschichte. Sie hat keine Moral. Sie ist passiert, einmalig. Sie ist so einmalig wie das Leben Jesu, so einmalig wie unser Leben, das Leben jeden Einzelnen.
 
Natürlich hatten die Jünger vom Kopf her Recht. Wen regt die Verschwendungssucht der Reichen während Millionen hungern nicht auf. Das Geld ließe sich besser verteilen.
Öl für die Armen verkaufen, auch heute noch ein schöner Gedanke. Die Ölmultis könnten ihren Reichtum verteilen statt Retortenstätte zu bauen und den Sport aufzukaufen. Das können wir alles im Sinne Jesu sagen.
 
Ein gerechter Umgang mit Geld ist in der Kirche ein Muss. Eine Kirche, die nicht diakonisch ist, wird ein hässliche Karikatur Jesu. Es ist manchmal bitter, wenn in der Diakonie alles Tun in Geld umgerechnet werden muss.
 
Die Jünger haben den Wert des Öls gleich umgerechnet. Es trieb sie Tränen in die Augen. Ein Jahreslohn oder mehr. Nicht mal Jesus gönnten sie diesen Luxus. Es hätte auch ein billiges Öl gereicht.
 
Aber bleibt bei dem Berechnen nicht viel auf der Strecke. Bei der Berechnung steigt Kälte auf. Was ist mit Schönheit, mit der Lust, aus Liebe was verschenken und verschwenden?
Nichts gegen Gerechtigkeit, aber ist es nicht seltsam, wann einem einfällt, das Geld hätte man auch den Armen geben können.
 
Kommt die unbekannte Frau in der Verschwendung aus Liebe nicht Gott nahe. Hat Jesus nicht da Liebe geschenkt, wo andere sagten, da geht nichts mehr, verschwendete Zeit und Mühe. Wozu das 100. verlorene Schaf suchen, wenn man noch 99 Gesunde im Stall hat.
Die Rücksicht auf Schwache ist in unserer Zeit wieder besonders gefordert. Sie kostet viel Geld. Es entstehen ethische Konflikte. Wem soll geholfen werden? Wie gelingt die Versorgung aller Kranken? Vor unserer Tür stehen Geflüchtete und Verhungernde. Ich beneide die nicht, die entscheiden müssen.
 
In wessen Haus war Jesus? Im Haus eines Aussätzigen. Eines Menschen, den andere aufgegeben hatten. Er ging ins Haus des verrufenen Zöllners.
Der Weg Jesu war ein Weg verschwenderischer Zuwendung. Was ist sein Weg zum Kreuz anderes?
 
Hatte diese reiche Frau kein Anrecht, Jesus zu berühren, ihn zu lieben? Sie tat es, obwohl er gegen Reiche wettern konnte. Auch für sie ging er ans Kreuz.
 
Ich wünsche mir, dass wir auf die gerechte Verteilung des Geldes achten. Das ist notwendend.
Aber ich wünsche mir auch verschwenderische Liebe. Ich will spüren, es geht nicht um die kalte berechnete Gleichheit aller. Ich will spüren, als Einzelner bin ich anderen wichtig.  
 
Wie leicht sind Arme, Arbeitslose, Kranke und Hungernde nur Zahlen der Statistik, ohne dass der Einzelne gesehen wird.
Was ihr einem von diesen Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan, sagte Jesus. Er dachte da sicherlich nicht nur an materielle Werte, sondern an Zuwendung und verschwenderische Liebe. Glauben hat nicht nur mit dem Kopf zu tun, sondern auch eine sinnliche Seite.
 
Amen.

 

Lied zu Palmsonntag: Jesus zieht in Jerusalem ein (EG 314, Youtube)
Überhaupt zur Passionszeit: Korn das in die Erde (EG 98)