Wann bin ich zum letzten Mal Gott begegnet?

Predigt zum 13. Dezember 2020 von Pfarrer i.R. Jürgen Quack

Liebe Gemeinde!

Vielleicht ist es ihnen auch schon passiert: Sie begrüßen einen Norddeutschen mit einem freundlichen "Grüß Gott!" und er antwortet: "Ja, will ich gerne machen, wenn ich ihm begegne."

Lassen wir den Scherz beiseite – und fragen ernsthaft: Wann bin ich zum letzten Mal Gott begegnet?

Ich versuche einige Antworten. Einige davon könnten vielleicht auch Ihre Antwort sein.

Antwort 1: Ich bin gerade auf dem Weg zu ihm, genauer: er ist auf dem Weg zu mir. Es ist Adventszeit. Advent heißt „Ankunft“. Es geht um die Ankunft Gottes auf der Erde. Auf der Erde – das heißt: auch bei mir. In Gestalt eines kleinen Kindes. Jedes Jahr bin ich ihm begegnet – inzwischen im 78. Jahr. Klein und hilflos, auf den Schutz und die Fürsorge von Menschen angewiesen – so begegne ich Gott immer wieder. Advent und Weihnachten ist Begegnungszeit – nicht nur für die Verwandtschaft. Aber es ist nicht nur beim Christkind, dass ich Gott begegne. Es ist bei jeder Geburt. Wenn neues Leben in der Welt kommt, wenn ich den ersten Schrei eines neugeborenen Kindes höre.

Antwort 2: Ich begegne ihm immer wieder Sonntags. Hier in der Kirche. Vor allem in der kurzen Zeit des Stillen Gebets. Wenn ich zu ihm bete und dabei spüre: um mich herum beten auch viele andere Menschen, bringen ihren Dank und ihre Bitte, ihre Sorgen und ihre Freuden zu ihm. Da fühle ich mich ihm nahe. Und fühle mich den Menschen um mich herum ganz nahe.

Antwort 3: Ich begegne ihm in meinem Garten und überhaupt in der Natur. Wenn die Blätter sprossen und die Knospen aufspringen, dann spüre und erlebe ich das Leben, dann erlebe ich Gott den Schöpfer am Werk. Ich begegne ihm bei seiner Arbeit.

Die 4. Antwort wird von Elia überliefert, als er vor dem König Ahab auf der Flucht war und sich in einer Höhle am Berg Horeb versteckte. Darüber heißt es im Buch der Könige: „Der Herr sprach: Geh heraus und tritt auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.“

Die 5. Antwort: Ich begegne ihm in vielen Kirchen. In einer gotischen Kathedrale zieht es meinen Blick unwillkürlich nach oben, über mich hinaus. In einer alten romanischen Kirche fühle ich mich geborgen und beschützt, fühle ich mich beheimatet. Auch in vielen anderen Kirchen habe ich das Gefühl: ja, hier ist Gott, hier ist er zu Hause. Hier bin ich in seiner Nähe. – Natürlich glaube ich, dass Gott überall ist, nicht nur in der Kirche. Aber eine schöne Kirche kann mir helfen, dass dieses Gefühl der Nähe in mir entsteht. - Für die Juden war der Tempel ganz wörtlich das Haus Gottes, denn in der Mitte des Tempels, im Allerheiligsten stand sein Thron, auf dem er unsichtbar Platz nahm. – Für die Katholiken ist es wichtig, dass im Tabernakel die geweihte Hostie als Unterpfand der Nähe Gottes aufbewahrt ist und das „ewige Licht“ den Kirchenbesucher darauf hinweist. - Für evangelische Christen ist wichtig, dass vorne auf dem Altar die Bibel liegt, das Buch, das von so vielen Menschen berichtet, die je auf ihre unterschiedliche Weise Gott begegnet sind.

Es ist seltsam: Gott ist kein Mensch. Aber wir können von ihm nur in menschlichen Worten und nur in Bildern reden. Gott ist der ganz andere. Wir können auch sagen: Gott ist die ganz andere, oder: das ganz andere. Unsere Worte sind immer unzureichend. Gott ist kein Mensch, aber wir können zu Gott reden wie zu einem Menschen. Wir können vor ihm klagen und loben, bitten und danken.

Die Bilder und Worte, in denen wir von und zu Gott reden lassen immer nur einen Aspekt, eine Seite Gottes deutlich werden: wir können ihn als Vater oder Mutter ansprechen. Menschen haben von ihm geredet als König, als Hirte, als Adler, als Burg oder als Sonne – viele dieser Bilder und Vergleiche finden wir in der Bibel und in unserem Gesangbuch. Keines dieser Bilder dürfen wir isolieren und uns darauf festlegen, alles sind nur Hinweise und tastende Versuche, die Gotteserfahrung von Menschen wiederzugeben und auszudrücken.

Ein Bild ist die Hand Gottes. Die Hand, die uns hält- auch im Tod. Die Hand, deren Schatten uns vor der sengenden Sonne schützt. Ein anderes Bild ist die Sonne, die die Dunkelheit vertreibt und das Leben ermöglicht. Es sind alles Bilder in Worten „Wortbilder“ für unsere Begegnung mit Gott.

Aber auch gemalte Bilder können uns helfen, Gott zu begegnen.

Hinter dem Altar sehen wir das große Wandbild von Rudolf Yelin. Es erinnert uns an die Geschichte, wie Maria Magdalena und zwei andere Frauen am Ostermorgen sich mit Salbgefäßen auf den Weg zum Grab machen, um Jesu Leichnam zu salben. (Mk 16) Voller Trauer blicken sie auf die Erde. Nur eine von Ihnen sieht den Engel, der mit ausgestreckter Hand auf den Auferstandenen verweist. Der steht in weiße Tücher gehüllt vor dem schwarzen Hintergrund der Grabeshöhle. Diese Frau fasst wieder Hoffnung, sie versteht zwar noch nicht, was passiert ist, aber sie fasst wieder Mut und Hoffnung durch diese Begegnung.

Seit einigen Wochen hängen hier an der Wand drei Bilder von Patrice Bérard. Es sind Bilder ganz anderer Art.

Ich habe sie in den letzten Wochen oft angeschaut und mich gefragt: Helfen auch sie mir, Gott zu begegnen?

Anfangs konnte ich nicht viel mit ihnen anfangen. Sie sagten mir nichts. Ja, sie passen in Form und Farbe in den Raum. Sie stören nicht. Aber was tragen sie für mich dazu bei, hier Gott zu begegnen?

Mit der Zeit fiel mir eine Gemeinsamkeit mit dem Bild von Rudolf Yelin auf. Alle drei Bilder sind auf einem schwarzen Untergrund gemalt. Es sind helle Farbfelder auf schwarzem Hintergrund. - Yelin hat hier an der Wand Jesus auch vor einem schwarzen Hintergrund gemalt: vor dem geöffneten Grab, vor dem schwarzen Feld als Zeichen von Tod und Trauer, Schmerz und Enttäuschung. Davor und darüber Christus in einem weißen Gewand.
 
Bei den Bildern an der Wand ist es nicht die weiße Farbe, die das Dunkel verdrängt, sondern es sind bunte Farbfelder. Bunte Farben sind aber nichts als zerstreutes Licht, so wie wir es beim Regenbogen sehen. Gottes Licht, Gottes Liebe zerlegt sich in unserem Leben in ganz verschiedene Farben, in ganz verschiedene Erlebnisse, Einsichten und Erfahrungen. Jeder und jede erfährt Gott in ganz unterschiedlicher Weise.

Das helle, gelbe, goldene Farbfeld erinnert mich an Licht und Sonne, an das Lied, in dem Gott als „Sonne der Gerechtigkeit“ angesprochen wird. Es erinnert mich an Jesus, der sagte: „Ich bin das Licht der Welt“. Und der zu seinen Jüngern sagte: „Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid die, die in meinem Namen etwas tun gegen Trauer und Tod, Unrecht und Hunger in der Welt, gegen die „Nacht der Welt.“

Das rote Farbfeld auf schwarzem Hintergrund steht nun für mich für die Liebe. Im Ersten Johannes-brief heißt es „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh. 4,16). Die Liebe Gote und die Liebe der Menschen hilft uns, Trauer und Leid zu ertragen. Die Liebe Gottes treibt uns dazu, das zu tun, was wir können, um etwas gegen Unrecht und Hunger in der Welt zu tun.

Das braune Farbfeld erinnert mich jetzt in der Adventszeit an das Brot. Es erinnert mich an den, der sagte „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ (Joh. 6,35). Das braune Farbfelde innert mich an die Aktion „Brot für die Welt“, in der die Kirche gegen Hunger und Not im Namen Gottes in Aktion ist. In dieser Aktion begegnet Gott den Hungernden.

Liebe Gemeinde, diese drei Bilder helfen mir – mir ganz persönlich - Gott in dieser Zeit zu begegnen. Sie helfen mir, immer neue Seiten, Spuren und Aspekte Gottes zu entdecken. Gott begegnen wir da, wo das Dunkel der Welt ein Stück weit hell wird. Wir können Tod und Leid nicht aus der Welt verbannen, das schwarze Feld bleibt der Hintergrund des Lebens, aber Gott will das Schlimme immer wieder zurückdrängen – und er sucht uns als seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dabei.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie jetzt in der Adventszeit Gottes Liebe und Nähe auf ganz persönliche Weise erfahren. Dass Gott auf eine ganz eigene Weise bei Ihnen ankommt und Sie ihm begegnen. In biblischen Geschichten und in Liedern, in der Natur und in der Stille, in der Gemeinschaft – oder auch in Bildern.

Amen.

Pfarrer i.R. Jürgen Quack

Nachbemerkung: „Grüß Gott“ ist eine Verkürzung aus „grüß[e] dich Gott, man vergleiche etwa die Dialektvarianten „griaß di (God)“ „grüße dich (Gott)“ oder „griaß eich“ „grüße euch (Gott)“. Es liegt damit ein Konjunktiv Präsens (Optativ) vor. Es gibt zahlreiche Parallelen, beispielsweise „behüte dich Gott“ (beim Abschied gesagt), oder „vergelt’s Gott“ (danke). - Die ursprüngliche Bedeutung des Grußes ist „möge dir Gott freundlich begegnen“ bzw. „Gott segne dich“. (Wikipedia)
 

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"Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig." | Jes 40,3.10
 

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