Was dient wirklich dem Leben?

Predigt zum 25. Oktober 2020 von Asylpfarrerin Ines Fischer

Liebe Gemeinde!

wir kommen an diesem Sonntag zusammen in einer Zeit, die von vielen Regeln geprägt ist. Regeln, die unseren Alltag auf eine neue und auf eine von vielen bisher nicht gekannte Art und Weise verändern. Regeln, die sich seit dem Auftreten des Coronavirus immer wieder verändert haben, je nach Infektionszahlen ist es mehr oder weniger Freiheit, die wir uns nehmen dürfen. Welche Regeln sind die richtigen, was ist notwendig, was ist gut, was ist hilfreich? Es wurde und wird sehr ausführlich darüber diskutiert in unseren Zeiten. Es geht um achtsame Entscheidungen, es geht um die Erhaltung von Leben, es geht um das Funktionieren einer Gesellschaft, es geht um Nähe und Abstand. Wir sind gerade geprägt von einem Regelwerk, das stabilisieren, schützen und das dafür sorgen soll, dass wir als Gesellschaft weiterhin funktionieren. Und wir Menschen reagieren unterschiedlich darauf. Die meisten verstehen glücklicherweise, dass es um Schutz geht und versuchen sich so rücksichtsvoll wie möglich zu verhalten. Manche begehren aber auch dagegen auf, manche verstehen nicht, worum es geht, viele bekommen Angst.

Regeln sind gerade in Krisenzeiten wichtig für Menschen. Weil es darum geht, dass wir uns an etwas festhalten oder auf etwas vertrauen können. Es ist gut und hilfreich, dass es Regeln gibt. Sie schützen Menschen, sie sorgen für eine Regelmäßigkeit, sie helfen, um Dinge einordnen zu können. Und auch im Alltag sind Regeln wichtig. Man denke nur an den Straßenverkehr: Würde er vollständig regellos ablaufen, dann wäre das für viele Menschen tödlich und es würden nur die Stärksten überleben. Oder man denke an den Schutz der Würde von Menschen: In unserem Grundgesetz ist eindeutig definiert, dass die Würde eines Menschen unantastbar ist. Das heisst: Wenn meine Würde verletzt wird, dann kann ich das einklagen. Wenn ich diskriminiert werde, dann gibt es Gerichte, bei denen ich meine „Entwürdigung“ auf den Tisch bringen kann. Wenn ich aufgrund meiner Hautfarbe, meines Geschlechtes oder meiner körperlichen Einschränkungen benachteiligt werde, dann gibt es Instanzen, bei denen ich mich beschweren kann. Regeln, wie eine Gesellschaft aufgebaut ist und wie sie funktioniert– sie sind unabdingbar. Sonst würden wir in einem vollständigen Chaos leben, das uns Menschen nicht gut täte.

In unserem Bibeltext an diesem Sonntag heute, wird eine Situation beschrieben, in der es um die Frage geht: Welche Regeln sind gut für uns Menschen? Die Jüngerinnen und Jünger sind mit Jesus unterwegs an einem Tag, der in der jüdischen Tradition als ein heiliger Tag gilt. Der Tag, an dem nach der Schöpfungsgeschichte Gott ruhte. Der Tag, an dem Erholung und das Lob Gottes im Mittelpunkt stehen sollen. Ein Tag, der frei ist von Arbeit. Ein Tag, der in der Tradition damals wie heute durch Regeln bestimmt wird. Der Sabbat. Eine gute Tradition, dass es einen Tag gibt, an dem tatsächlich aufatmen angesagt ist. Und vielleicht gar nicht so schlecht, dass die Vorschriften auch ausdifferenziert sind. Wenn ich daran denke, was aus dem Sonntag, der sich analog ja an die jüdische Tradition des Sabbats anlehnt, in unserer Neuzeit geworden ist – dann kommt es mir manchmal so vor, als ob er wie ein sehr verletzliches Moment unseres Alltags wirklich verteidigt werden muss. Verkaufsoffene Sonntage, Freizeitaktivitäten, Sportveranstaltungen, Messen, vor Corona viele Großveranstaltungen – alles muss in diesen Tag gepresst werden. Erholung ist da manchmal nicht mehr möglich. Eher geballter Freizeitstress.

Die biblische Geschichte setzt sich damit auseinander, was an diesem Tag möglich sein darf. Die Menschen um Jesus sind mit ihm unterwegs. Ernten am Sabbat ist nicht erlaubt. Die Jünger*innen haben aber Hunger und auf dem Weg ihres Gehens nehmen sie sich das, was am Wegesrand ist. Sie werden dafür von denen, die die Schrift ganz genau kennen, kritisiert. Das sei am Sabbat nicht zulässig. Und Jesus antwortet denen, die es so ganz genau wissen, mit Worten, die zu geflügelten Worten der Geistesgeschichte geworden sind: Gott hat den Sabbat für den Menschen geschaffen, nicht den Menschen für den Sabbat.

Was steht im Mittelpunkt dieser Geschichte? Ich denke, es ist die große Frage, an welcher Stelle Regeln nur noch dem Selbstzweck dienen und wann sie aufhören lebensförderlich zu sein. Wann sind Traditionen so starr geworden, dass nur noch Anbetung der Asche, aber nicht mehr Weitergabe des Feuers sind? Wann werden Regeln zu einem Werk, das Menschen die Luft zum Atmen nimmt und ihnen keine Freiheit mehr gibt?

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der einer von vielen ist, die in meiner Beratungsstelle für Flüchtlinge Hilfe und Unterstützung suchen. Er ist ein Mann, der jung, stark und kräftig ist. Er hat ein Asylverfahren durchlaufen. Es ist negativ ausgegangen. Seine Fluchtgründe waren ersichtlich, aber nicht entscheidungsrelevant. Er kommt aus Afrika. Die Situation, dass die Lebensumstände in seinem Land ein Leben dort nicht mehr möglich machten, haben nicht ausgereicht für eine positive Entscheidung. Die Tatsache, dass sein Land von europäischen Konzernen ausgebeutet wird, hat nicht ausgereicht, um eine neue Zukunft in Deutschland für ihn möglich zu machen. Nach welchen Regeln wird hier beurteilt? Was sind die Gründe dafür, dass ein Asylverfahren positiv oder negativ entschieden wird? Was dient dem Leben? Dem Leben dieses Menschen, der in seiner Heimat keine Zukunft sieht, weil diese von außen und von innen immer wieder zerstört wird. Das ist die erste Frage, die sich an der Lebensgeschichte dieses jungen Mannes aufmacht. Eine Frage, die auch in Zukunft drängender werden wird. Denn unser Asylsystem gibt nur denen eine Chance, die individuell nachweisen können, dass sie verfolgt sind. Die eine ganz genaue Geschichte darüber erzählen können, wer sie verfolgt hat und die Angreifer*innen auch namentlich benennen können. Die Tradition, ein Asylverfahren nach diesen Kriterien zu entscheiden wurde 1947 mit der Genfer Flüchtlingskonvention festgelegt. Klimaflüchtlinge, die Verwüstung von Regionen, all das war damals noch nicht im Blick. Und trotzdem sich die Welt in dieser Hinsicht geändert hat, hat sich die Rechtsprechung nicht geändert. Obwohl der junge Mann in seinem Land nicht mehr leben kann, wird er hier nicht als Flüchtling anerkannt. Ein Gesetz wird durchgehalten, obwohl die Voraussetzungen anders geworden sind. Dient das dem Leben?

Die zweite Frage wird deutlich, wenn man sich sein Leben anschaut, das er hier bei uns nach dieser Ablehnung nun führt. Weil er eine negative Entscheidung erhalten hat und trotzdem nicht zurückgehen will – dorthin wo es keine Zukunft gibt – legt der Staat ihm Restriktionen auf. Er darf nicht arbeiten, obwohl er gerne würde und auch könnte. Er muss Leistungen vom Staat beziehen, obwohl er die eigentlich gar nicht haben will, sondern lieber für sein eigenes Auskommen sorgen würde. Er erhält zum Leben noch 180 Euro im Monat – obwohl es klar ist, dass man damit nicht überleben kann. Das sind 6 Euro am Tag, die für Essen, Kleidung und Hygiene zur Verfügung stehen. Was dient dem Leben? Es gibt ein Gesetz, das sagt, dass man ihm diese Einschränkungen auferlegen darf. Ist dieses Gesetz sinnvoll? Macht es ihm das möglich, sich eine neue Zukunft zu erarbeiten, einen neuen Horizont zu eröffnen? Ist es menschenwürdig, so mit einem Menschen in unserem Land umzugehen?

Liebe Gemeinde, ich sehe in meiner täglichen Arbeit immer wieder, dass Gesetze notwendig sind, aber ich sehe auch, welche Auswirkungen sie haben, wenn sie nicht überdacht werden. Dann können sie Menschen die gesamte Lebensgrundlage entziehen, Leid und Verzweiflung verursachen, Zerstörung verursachen. Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat. Das heißt: Immer wieder zu schauen, was ein Mensch wirklich braucht. Und wenn es Regeln sind, die Leben ermöglichen, Freiheit zulassen, Würde befördern, dann ist es wert für diese Gesetz zu streiten und sich dafür einzusetzen, dass sie durchgesetzt werden. Aber wenn deutlich ist: Gesetze zerstören Lebensgrundlagen so wie im Falle der Geschichte dieses jungen Mannes – dann ist es Zeit sie zu überdenken und in den Spuren Jesu immer wieder die Frage zu stellen: Was dient wirklich dem Leben? Es ist eine tägliche und herausfordernde Aufgabe, sich dieser Frage zu stellen und ihr menschlich und in Würde zu begegnen. Gut, dass wir an diesem Sonntag heute daran erinnert werden. Amen.

Asylpfarrerin Ines Fischer
 

Predigttext: Das Ährenraufen am Sabbat
(Markus 2.23-28)

An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Seine Jünger fingen unterwegs an, Ähren abzureißen und die Körner zu essen. Die Pharisäer sagten zu Jesus: »Da sieh dir an, was sie tun! Das ist nach dem Gesetz am Sabbat verboten!« Jesus antwortete ihnen: »Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er und seine Männer hungrig waren und etwas zu essen brauchten? Er ging in das Haus Gottes und aß von den geweihten Broten, damals, als Abjatar Oberster Priester war. Nach dem Gesetz dürfen doch nur die Priester dieses Brot essen – und trotzdem aß David davon und gab es auch seinen Begleitern!« Jesus fügte hinzu: »Gott hat den Sabbat für den Menschen geschaffen, nicht den Menschen für den Sabbat. Also ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat; er hat zu bestimmen, was an diesem Tag getan werden darf.«
 

Wochenspruch

"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." (Micha 6,8)
 

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