Was kommt nach dieser Welt?

Predigt zum 22. November 2020 von Pfarrer Patrick Mauser

Liebe Gemeinde,

das Schiff sinkt. Keine Chance mehr. Der Schiffsrumpf hebt sich aus dem Eiswasser des Nordatlantiks. Leuchtraketen fliegen in den Himmel um Hilfe zu rufen, auf sich aufmerksam zu machen. Es ist klar: das größte Schiff der Geschichte, von dem gesagt wurde: „Gott selbst kann es nicht versenken“, wird untergehen. Die Menschen laufen auf dem sich immer weiter aufreckenden Schiff nach oben. Mitten in diesem Albtraum und dieser Katastrophe sieht man einen Mann im Collarhemd, der sich an einem Geländer festhält und mit der freien Hand, in der er sich eine Bibel befindet, fasst er andere Menschen an, wie zum Trost, aber auch um beim Sinken des Schiffs Halt zu finden…Es ist ein Pfarrer, das wird schnell klar. Und in dem Getöse und dem Drama will er den Menschen etwas mitgeben…eine Bibelstelle…und man hört ihn rufen: „Und Gott wird abwischen alle Tränen…und der Tod wird nicht mehr sein…noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein…“. Dann bewegt sich die Kamera weiter…und was aus dem Pfarrer und den anderen wird, erfahren wir nicht mehr.

Diese Szene aus dem Film „Titanic“, kam mir vor Augen in der Vorbereitung. In einem der fast dramatischsten Momente des Films, der das Schiffsunglück der Titanic beschreibt, passiert die Szene und kommt im größten Drama, in der größten Angst, kommt ein Teil dieses Bibelwortes aus der Offenbarung des Johannes vor.

Heute am Ewigkeitssonntag ist das Thema: Was kommt nach dieser Welt? Für unsere Lieben, die wir hergeben mussten, für uns, die wir noch hier sein dürfen, aber natürlich wissen, dass auch wir eines Tages gehen müssen.

Der Text der Offenbarung ist eines der berühmtesten Fenster, welche die Bibel aufmacht und eine Idee davon gibt, wie diese Welt aussehen könnte, die Gott für uns bereitet hat, wenn diese Welt zu einem Ende kommt. Und bei diesem Thema kommen einem für gewöhnlich eine Mischung aus solchen Gedanken, wie: „Es uns bestimmt allen gut gehen in dieser neuen Welt“ und natürlich einem Unbehagen: „Ich will nicht darüber nachdenken, denn ich will hier nicht weg“ hoch. Und vielleicht auch ein „Was, wenn es alles doch nicht stimmen sollte, mit den Versprechungen!?“.

Ich kann nur spekulieren über die Neue Welt – Wie lebt es sich dort? Wie sieht es wohl aus? Das kann niemand beantworten, auch nicht, wenn er die ganze Bibel 100 mal durchliest. Darum will ich mich darauf konzentrieren, was wir aus diesem Text über unsern Gott erfahren können und darüber, welche Zusagen und Hoffnungen wir daraus ziehen können…ich lese den Predigttext nun zuerst:
 
Das neue Jerusalem
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die
Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Ihr Lieben,
schauen wir doch in dieses Fenster in diese neue Welt, das die Bibel hier für uns aufmacht: wir erinnern uns an die Schöpfungsgeschichte: doch auf die „erste“ Schöpfung legt sich diese neue Erde. Und ein neues Jerusalem, eine heilige Stadt für alle kommt herab, schöner, als sich es jeder nur vorstellen kann. Und neben dieser neuen Welt, da kommt auch ein Versprechen: ein neues MITEINANDER von Gott mit seinen Menschen: „Die Hütte Gottes bei den Menschen! Er wird bei Ihnen wohnen“ – Ach, tut das gut! Der Abstand zwischen Himmel und Erde, er ist weg. Wo Gott so nah ist, da gibt es keine Armut mehr, keine Kriege – da muss man doch nicht erst lange beten – diese Welt gestaltet nur noch Gott, nicht mehr die Menschen mit ihrer Habgier und ihrem Hass…was für eine paradiesische Vorstellung. Und durch dieses Fenster sehen wir ein Versprechen, das ich gerne ausspreche, wenn ich mit Angehörigen an einem Grab stehe, wo wir vor so vollendete Tatsachen gestellt sind. Wo wir die Endlichkeit sehen, die Verletzlichkeit und erinnert werden, dass wir alle irgendwann gehen müssen:
„und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

Das ist so stark, vielleicht bleibt mir eher wegen diesem Bibelwort die Szene aus dem Film „Titanic“ im Kopf. Es geht darum, dass Gott bei uns wohnt…“Die Hütte Gottes bei den Menschen“…Gott selber wischt die Tränen von den Gesichtern. So eine tröstende Nähe…näher kann man kaum einem Menschen sein. Kaum eine Geste spricht von mehr Zuwendung und von Anteilnahme. Ich will dir Deinen Schmerz nehmen, darum wische ich dir das Zeichen von Schmerz und Verzweiflung aus dem Gesicht. Die Bibel spricht hier von einer Welt, in der die Präsenz Gottes so unmittelbar ist, dass dort kein Leid sein kann.
„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Der ewige Durst, der Menschheit will von Gott gestillt werden. Der Durst, des Wissens um unsere Endlichkeit, die Angst um den Tod…die Angst vor einem Nichts.
Gott sagt, er ist das A und O, erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets…es kommt nichts vor oder nach ihm. Er hat alles in der Hand!
 
Liebe Gemeinde hier in der Auferstehungskirche und die Gemeinde im Livestream,
dieses Bibelwort ist ein Fenster in diese neue Welt. Ein Bild dafür, damit wir Gottes verstehen können und seine Liebe. Ob jetzt eine neue Stadt vom Himmel schwebt oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Doch ich lade Euch alle ein, es als ein Versprechen zu sehen, als eine Beschreibung für diese neue Welt: Gott ganz greifbar, ganz unmittelbar. Ganz bei dir, so nah, dass er deine Tränen abwischen kann. Rettung, Friede und Sicherheit. Gott bei uns.

Es ist ein Beispiel, ein Bild für Gottes Liebe und für die Zusage, dass es nach dieser Welt weitergeht für uns…und GUT weitergeht…oder Gut, ist übertreiben. Nehmt es als eine Zusage an diesem Tag, aus diesem Kirchengebäude, das passenderweise „AUFERSTEHUNGSKIRCHE“ heißt.

Für mich geht es auch nicht nur darum, dass man getröstet wird für die Zukunft, sondern dass wir angstfrei leben sollen. Dass wir, die wir hier sein dürfen ohne Angst unser Leben leben können, denn das, was auf uns wartet brauchen wir nicht zu fürchten – wir brauchen aber auch nicht darauf zu warten: denn es gibt noch ein weiteres Bild oder Fenster zu Gottes Liebe: Jesus Christus: der es uns wunderbar ins Herz schreiben will: Lebe frei und hoffnungsvoll in dieser Welt und habe keine Angst vor der nächsten, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich befreit und mein Vater hat dich bei deinem Namen gerufen.
Und das Kommen Jesu, es steht am Beginn eines neuen Kirchenjahres nächste Woche: da feiern wir den ersten Advent: Ankunft…das Kommen Jesu – Gott bei den Menschen. Als Kind in der Krippe. Als einer von uns, der weiß, was einen hier belasten kann. Als einen, der weiß wie sich Angst, Schmerz und sogar Tod anfühlt. Da kam uns Gott schon einmal so nah, dass er Menschen berührte, heilte, ihnen zuhörte, sie stärkte und ermutigte. Das soll die Perspektive für unser LEBEN sein…das Fenster in die Zeit danach, es soll unsere Ängste nehmen und unser hier und jetzt ebenfalls stärken.
 
Dann ist es bei aller Tragik doch passend, dass der Pfarrer in dem Film Titanic diese Worte sprach, denn sie trösten. Sie sind stark. Und es ist ein dauernder Advent, dass wir uns Gott so nahe in unserem Leben wünschen. Darum finde ich es so passend, dass wir Advent jedes Jahr feiern. Und für mich wird es dieses Jahr ein besonderer Advent, wenn wir auf diese Zeit blicken: wie dringend brauchen wir Gott ganz nah bei uns!? Ich möchte zum Schluss ein Gedicht von Bianca Birkholz lesen, dass wunderbar das neue Jerusalem und die kommende Adventszeit verbindet:
 
Macht hoch die Tür
Macht hoch die Tür, das Tor macht weit,
es ist das Tor des Christus, der uns geleit',
er lebt in uns - auf Alle-Zeit.
Im tiefen Kern unseres Herzens befreit,
leuchtet voller Gloria – hell und klar
der Stern des neuen Jerusalems, so wunderbar.
Es wollen erweckt und durchdrungen sein,
die wir da sind,
die neuen Jünger des erwachten Christentums.
Nun gehet voran, denn nun ist die Zeit,
um erklingen zu lassen die sphärischen Chöre und Gesänge der neuen Zeit,
sodass die Tore des neuen Jerusalems sich weit öffnen,
um auch noch das letzte Tor eines verborgenen Herzens zu durchfluten
mit dem einen Herzen – Jesus Christus.
Nun, da alle Herzen – vereint und vollkommen –
jetzt verkünden und gemeinsam singen:
"Macht hoch die Tür – das Tor ist weit".
Im Herzen aller Seelen – leuchtet es unendlich weit
und jeder weiß jetzt endlich Bescheid:
Jesus Christus ist und lebt in uns auf Alle-Zeit.
Somit sind wir aus aller Lüge, von Schuld und von Leid befreit.
Halleluja.
 
So freuet euch und schreitet voran,
denn jetzt sind wir im Himmelreich angelangt,
eingetreten in das Reich, das vor tausenden von Jahren verloren ward.
Es verkündet wahren Reichtum, Liebe und den göttlichen Frieden.
Verschmolzen nun mit Himmel und Erde
ist das neue Jerusalem unser ewiges Erbe.
So feiert im Hier und im Jetzt - das ewige Sein,
welches uns erleuchten lässt im wahren Schein,
erklingt das Christuslicht im ewigen Sein.
Halleluja.
Gepriesen bist Du allein, Jesus Christus auf alle Ewigkeit.
Amen.

Pfarrer Patrick Mauser

 

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Gottesdienst-Tipp

Livestreaming-Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag
aus der Auferstehungskirche mit Pfarrer Patrick Mauser
Sonntag 22.11. um 10:00 Uhr-Gottesdienst anschauen