Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien

Predigt zum 2. Mai 2021 von Pfarrer Patrick Mauser

„Kann ich denn nicht…kann ich denn nicht lieber singen?“
„Aufhören! Aufhören!!! So lange ich was zu sagen habe wird hier nicht gesungen!“

So antwortet der junge Prinz in Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“ auf die Ankündigung seines Vaters, bald das ganze Schloss und die Ländereien seines Vaters zu erben. Musik kommt auf, der junge Mann bringt sich in Sängerpose…doch der Vater springt in die Szene und unterbricht die Musik…“Hier wird nicht gesungen!“ Es soll den Plan seines Vaters folgen: eine Frau heiraten, die er nicht kennt. Aber ihr Vater, auch ein Burgfürst, hat große Ländereien. Nix mit singen hier! Das Establishment verbietet es!

Wurde Ihnen einmal das singen verboten? Also mir schon. Zu Tisch…in der Schulklasse…bei Nacht, als sich Anwohner beschwert haben…es gibt scheinbar Zeiten für Gesang und Zeiten in denen es heißt: „Aufhören! Aufhören!!! So lange ich was zu sagen habe wird hier nicht gesungen!“

Der heutige Sonntag heißt Kantate - „singt!“ Ich weiß nicht, ob Ihnen zum singen zu Mute ist in diesen Tagen. Aber ob Ja, oder ob Nein, es gibt (um das klar zu sagen auch mit viel Recht und gutem Grund) eine Verordnung, die heute zu uns sagt: „So lange ich was zu sagen habe wird hier nicht gesungen!“ Mensch, das ist schade. Und das fehlt!

Singen ist für mich Ausdruck großer Freude. Ein Ausdruck des Festes, der „Hoch-Zeit“, der Freude. Singen ist: Konzert, Fußball, Hochzeit und Geburtstag usw. Aber ich singe auch Lieder, die mich traurig machen. Singen ist tiefer Ausdruck von Emotionen. So packt es auch die Jünger in unserem heutigen Predigttext. Denkt bei dem folgenden Bibeltext vielleicht an die Meisterfeiern der Fußballclubs oder die WM-Freude 2014. Oder, ich lehne mich aus dem Fenster, vielleicht sogar die Bilder als sich Menschen 1989 gegenseitig über die Berliner Mauer geholfen haben. Tiefe Emotionen lassen Sie singen…vor Freude und vor Erfüllung. Doch jemand will es ihnen verbieten…hört selbst aus Lukas 19, aus dem Einzug in Jerusalem nach Lukas:

Sie brachten den Esel zu Jesus, legten ihre Mäntel über das Tier und ließen Jesus aufsteigen. Während er nun so seinen Weg fortsetzte, breiteten die Leute ihre Mäntel auf der Straße aus.
Als er das Wegstück erreichte, das vom Ölberg zur Stadt hinunterführt, brach die ganze Schar der Jünger in Freudenrufe aus; mit lauter Stimme priesen sie Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten.
»›Gesegnet sei er, der König,
der im Namen des Herrn kommt!‹« riefen sie.
»Frieden bei dem, der im Himmel ist,
Ehre dem, der droben in der Höhe wohnt!«
Einige Pharisäer aus der Menge erhoben Einspruch. »Meister«, sagten sie zu Jesus, »verbiete es deinen Jüngern, so zu reden!« Doch Jesus gab ihnen zur Antwort: »Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!«


Wir fangen an mit einem Schwenk zur Karwoche. Sie beginnt mit dem Palmsonntag – Jesus reitet auf einem Esel in Jerusalem ein. Große Feier – ein Grund um zu singen. Um zu jubeln. Und das tun die Leute. Und wie! Man kann die Jünger fast schon johlen und grölen hören!
„Hosianna“ rufen die Leute im Markusevangelium – ein Lobpreisruf an Gott oder den Messias. Er ist nicht für normale Menschen bestimmt. Sondern nur für den Retter.

Und hier nun singen die Jünger den Psalm 118: »›Gesegnet sei er, der König, der im Namen des Herrn kommt!‹« »Frieden bei dem, der im Himmel ist, Ehre dem, der droben in der Höhe wohnt!«

Da klingt die Weihnachtsgeschichte von Lukas wieder. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Es soll ganz klar sein: dieser Mann auf dem Esel, der ist nicht irgendwer. Hier soll allen Jüdinnen und Juden, die für das höchste Fest des Judentums nach Jerusalem gekommen sind klar sein: hier kommt der Messias! Der Gesalbte und Gesandte Gottes.

„Aufhören! Aufhören!!! So lange ich was zu sagen habe wird hier nicht gesungen!“

Da stehen die Pharisäer. Sie erheben Einspruch. Sie erheben Einspruch gegen das göttliche Lob, dass Jesus entgegenkommt! Der ist doch nicht der Messias, schon gar nicht Gott! Frevelhaft. Diejenigen, die ihn anklagen, sie verbieten den Gesang. Sie verbieten das Gotteslob aus Freude!

Doch Jesus gab ihnen zur Antwort: »Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!«

Liebe Gemeinde,
eines soll uns hier ganz klar sein: dieser Mann auf dem Esel, nicht auf einem Schlachtross oder einem goldenen Streitwagen…der ist der Messias, der wahre Gott in Menschengestalt. Das will Lukas ganz dick unterstreichen! Jeder, der das hört, soll das begreifen!

Doch Jesus gab ihnen zur Antwort: »Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!«

Jesus sagt den Pharisäern: diese Jüngerinnen und Jünger sollen singen! Denn sie haben Jesus erkannt. Sie haben erkannt, dass Jesus da eine große Mission Gottes hat. Die Liebe Gottes über der Welt ausbreiten. Sichtbar soll er die Arme spreizen um die Welt zu umarmen. Sie sollen singen!

„Wir sind die Moorsoldaten“ – „We shall overcome“ – „Von guten Mächten“

So viele Lieder gibt es, die man einfach singen muss, selbst, wenn es schlecht aussieht. So viele Lieder und Gedichte wurde in der Bedrängnis gedichtet. Sie müssen gesungen werden, denn sie geben Mut und sie signalisieren etwas nach außen. Sie sind Statements des Lebens und sie beeindrucken. Sie sind Lieder FÜR das Leben!

„Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!«

Über manches soll es kein Stillschweigen geben. Gegen Unterdrückung, gegen Krieg, gegen Unrecht, diese Lieder sollen gesungen werden. Die Lieder für den Frieden, die muss man laut singen.
Das Lied der Jünger, die den Beginn der Errichtung eines Reiches Gottes markieren, das soll gesungen werden, in der ganzen Welt. Für allezeit, ohne Stopp! Wenn es stoppt, dann werden sogar die Steine schreien! Schreiende Steine…

Wissen Sie noch was am 15. April 2019 war? Ich konnte es kaum glauben, als ich es gesehen habe!
Eines der schönsten Häuser Gottes auf dieser Erde brannte: die Notre-Dame in Paris. Die Steine schrien. Die Herzen stockten. Das tat weh. So muss man sich schreiende Steine vorstellen.
Es wird noch zwei Jahre dauern, bis wieder Lieder dort gesungen werden. Bis wieder Psalmen und Lieder über unsern Herrn dort laut werden.

Wir müssen das Lied von Jesus singen. Das sagt Lukas! Singt es laut, damit jeder weiß, Stichwort Weihnachten, das ist Gott. Gott wurde Mensch, so wie deine Mutter und dein Vater, deine beste Freundin – Gott sitzt auf einem Esel, Gott ist in deinem menschlichen Leben. Das ist Grund zum ausflippenden Lob! Jesus ist nicht nur ein politischer Aktivist, Jesus ist nicht nur ein philosophischer Praktiker und hatte da schicke Gedanken für den Umgang mit allen Menschen um mich herum. Aber er war mehr als nur ein Sprücheklopfer und ein Vorbild für Gewaltlosigkeit. Er war so gewaltlos, wie sonst einer, aber er ist so machtvoll, wie Keiner! Er ist Gott. In der Gemeinschaft mit den Fehlerhaften und Ausgestoßenen, da fühlte er sich am Liebsten! GOTT FÜHLT SICH DA AM LIEBSTEN! Das ist doch das entscheidende!

Das bedeutet, Dein Lied des Lebens, dass, was du singen kannst, tonal oder atonal, ob hoch ob tief, dein Lied ist das Lied Jesu, er will es hören, er singt es selber. Wir sind doch die lebendigen Steine seiner Kirche!

„Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!«

Lasst uns also nicht schweigen, sondern singen und handeln! Hörbar. Hörbar, dass wir hier nicht nur sitzen, weil eh Lockdown und schlechtes Wetter ist. Dafür, dass wir als Kirche Jesu noch da sind. Auch in Corona und, dass nicht nur Steine hier sind, die schreien, wenn diese Kirche fehlen würde, sondern, dass auch Menschen schreien, denn es muss doch ein spürbarer Unterschied sein, wenn es diese Gemeinde nicht geben würde.

Jesus singt unser Lied, menschliches Lied, göttliches Lied. Und Gott ist damit mal wieder so nahe bei uns, wie er es nur sein kann. Und das ist der Grund des Lobes der Jüngerinnen und Jünger

Hosianna, »›Gesegnet sei er, der König, der im Namen des Herrn kommt!‹« »Frieden bei dem, der im Himmel ist, Ehre dem, der droben in der Höhe wohnt!«
AMEN.

Pfarrer Patrick Mauser