Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.

Predigt zum Sonntag 26.4.

Vorbemerkungen:
Der erste Petrusbrief ist um das Jahr 100 geschrieben worden. Erste Christenverfolgungen durch den römischen Kaiser fanden statt. Der Brief will Weisungen geben, wie Gemeinden im nichtchristlichen Umfeld ihren Glauben praktizieren können. Offenbar bestanden viele frühe Gemeinde auch aus Mitgliedern mit Migrationshintergrund. Christen sahen sich oft als Fremdlinge in dieser Welt an.
Der Obrigkeit ist zu gehorchen, Frauen den Männern und Sklaven sollen sich fügen. Alle sollen mit dieser Leidensfähigkeit und das Wirken guter Taten trotz Erniedrigungen ihren Glauben an den leidenden Christus beweisen. Er ist das Vorbild. Er litt ohne aufzubegehren. An den Verhältnissen wird nicht gerüttelt.

Der Predigttext zum heutigen Sonntag ist ein Abschnitt, der sich an die Sklaven richtet. Offenbar kamen Sklaven in die Gemeindeversamm-lungen und Gottesdienste. Zu vermuten ist, dass sie in der christlichen Gemeinde als gleichwertige Mitglieder betrachtet wurden und hier Achtung erfuhren. „Ehrt jedermann!“ Sie wurden getauft und gehörten damit zu den Auserwählten Gottes. Ihr Leiden wurden in das Leiden Christi verwoben und erfuhr dadurch eine gewisse Wertschätzung. An eine Abschaffung der Sklaverei wurde nicht gedacht.

Der Predigttext ist 1.Petrus 2, 21b-25. Ich füge aber die vorgehenden Verse zum besseren Verständnis an.
11 Ihr Lieben, ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilger: Enthaltet euch von fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten, 12 und führt ein rechtschaffenes Leben unter den Völkern, damit die, die euch als Übeltäter verleumden, eure guten Werke sehen und Gott preisen am Tag der Heimsuchung. 13 Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten 14 oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun. 15 Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr durch Tun des Guten den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft – 16 als Freie und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit, sondern als Knechte Gottes. 17 Ehrt jedermann, habt die Brüder und Schwestern lieb, fürchtet Gott, ehrt den König!

Mahnungen an die Sklaven
18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen. 19 Denn das ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott Übel erträgt und Unrecht leidet. 20 Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, ist dies Gnade bei Gott.

21 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; 22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25 Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

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Liebe Gemeinde,

wir sind keine Sklaven. Wir lieben unsere Freiheit. Wir fragen, ab wann ist Widerstand nötig? Wo werden in der Coronakrise unsere Freiheiten zu sehr beschränkt? Gleiten wir ab in einen Überwachungsstaat unter dem Deckmantel von Sicherheit und Gesundheit? Unsere Freiheit endet nicht allein an der Freiheit des anderen, sondern auch an seiner Gesundheit.  „Bleib gesund!“ – wird gerufen. „Bleib frei – nicht nur von Viren!“ – nicht vergessen.

Wir können nicht verschweigen, dass heute immer noch Menschen in Unfreiheit leben, mitten unter uns.  Ein rumänischer Saisonarbeiter, der sich über schlechte Bedingungen beklagte, wurde kurzerhand entlassen. Seine Kinder hungern. Er ist abhängig vom Wohlwollen des Chefs wie ein Sklave. So geht es Millionen in der Welt.

Ich sehe Jesus nicht als einen, der vor Obrigkeiten und Chefs gebuckelt hat. Er war Verkünder des Evangeliums und ein freier Mensch. Niemandem untertan. Er ging seinen Weg. Er wurde von den Oberen hingerichtet. Aber er gehorchte ihnen nicht, sondern er ließ es geschehen. Er wendete keine Gewalt an und blieb seiner Linie treu. Er hoffte damit, die Welt zu verändern. Er setzte ein Zeichen. Er will Hirte sein. „Ich bin der gute Hirte.“, konnte er sagen. Er ist der Hirte, der alle beschützt, die ihm auf diesem Weg nachfolgen. Der Hirte geht voran, die Schafe folgen seiner Spur.

Der Schreiber des 1. Petrusbriefes fordert seine Leser*innen auf, diesen Weg zu gehen: „Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußspuren.“

Der Hirte Jesus Christus hinterliess keine breite Spur. Keine Menschenmassen, die ihm nachfolgten. Er hat nicht die Massen mobilisiert, um der Masse willen, er hat sich nicht zum Führer aufgeschwungen. Er hat Spuren hinterlassen, die der Einzelne gehen kann.
Er hat das Evangelium gepredigt und ist dann weitergegangen. Er ließ in Selbstständigkeit zurück. Er hat geheilt und ging weiter. Er hat andere aufgerichtet und ist dann gegangen. Er hat Menschen zurückgelassen, denen er eigene Wege zugetraut hat.
 
Dieser Hirte trägt, heilt, richtet auf – und mutet uns dann zu, den eigenen Weg, selbst zu gehen. Er verspricht, uns bei Irrwegen nachzugehen. In Tälern und dunklen Nächten will er bei uns sein wie ein guter Hirte.   

Unser Glaube ist anspruchsvoll. Wir sind in Freiheit gebunden an ihn. Evangelische Kirche lebt von der Eigenverantwortung, von den Meinungen der Einzelnen und ihren Gaben. Eher vom kritischen Widerspruch als vom gefügigen „Ja“. Wir sind aufgefordert, Jesus Christus nachzufolgen, – nun doch ganz anders als in einer Sklavenmentalität, – als freie, aufrechte, selbständige Menschen.

Habe ich mich damit sehr weit entfernt vom Schreiben des Petrus, vom biblischen Text?
Fordert uns Jesus nicht nach den Evangelium selbst auf, ihm nachzufolgen und unser Kreuz zu tragen? Ja, doch. Aber was ist das für ein Missverständnis, das meint, „unser Kreuz tragen“ hieße zu buckeln und zu kriechen, sich sklavisch zu verhalten.

Erinnern wir uns, wer damals das Holzkreuz getragen hat. Es waren vor allem Rebellen, streitbare Menschen, Freiheitliebende. Es waren Menschen, die vor Kaiser und Militär nicht buckeln wollten, und die Gewalt dieser Herrscher abwarfen und aufrecht gehen wollten. Freie Menschen wollten sie sein. Nicht wenige haben damit ihr Leben riskiert und verloren. Es erinnert an die Widerständler*innen und Deserteure im 2.Weltkrieg, die den Krieg nicht mehr mitmachen wollten.  
Das hieß sein Kreuz auf sich nehmen. Das hatten die Christen vor Augen. Und nicht das, was manche heute immer noch darunter verstehen.
Die Spuren Gottes in meinem Leben sind nicht die Verkrümmungen meiner Seele und meiner Wirbelsäule. Es sind nicht die tiefen Einschnitte auf den Schultern durch schwere Last. Das Kreuztragen ist doch sehr verinnerlicht worden. Tilmann Moser schrieb dazu das Buch  „Gottesvergiftung“ (1976).

Die Nachfolge Jesu Christi geschieht von uns gemeinsam, die Spurensuche aber ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Zachäus, der Zöllner, sucht einen faszinierenden Menschen und spürt, Jesus, der hat mir etwas zu sagen. Der Mann sagt ihm auch etwas. Danach gibt er zu Unrecht erworbenes Geld an die Betrogenen zurück.
Der reiche Jüngling sucht einen faszinierenden Menschen und spürt, Jesus, der hat mir etwas zu sagen. Er sagt ihm auch etwas: Lass alles, was dich bindet; vor allem Hab und Gut. Verteile deinen Besitz, als sei er eine schwere Last, und folge mir nach. Der reiche Jüngling scheitert an dieser Zumutung.

Jede und jeder von uns, sei es als Verantwortlicher in einer Firma oder Gewerkschaft, als Arbeiter an den Maschinen, als Hausfrau, Schüler, Konfirmand, als Mutter oder Vater, jeder von uns merkt, wie schnell der Weg an eine Kreuzung mündet, wenn er Jesus als Vorbild hat.
Es gilt, sich zu entscheiden.
Laufe ich einer Lügenwelt und Verschwörungstheorien hinterher oder gebrauche ich den Verstand.  Gehorche ich einfach oder wage ich Widerspruch. Denke ich nur an mich oder achte ich auch darauf, was dem Anderen guttut. Betrügen oder nicht betrügen. Drohen, Rache üben oder den Frieden suchen. Etwas erleiden oder leiden lassen. Nachteile auf sich nehmen oder nur dem Anderen Nachteile aufbürden. Vergeben oder nicht.
Jede und jeder von uns erlebt täglich Entscheidungssituationen, selbst beim Einkaufen. Nehme ich gerechte Waren oder nicht.
 
Wer auf der Kreuzung stehen bleibt, wird früher oder später überfahren.

Es geht in der Nachfolge, nicht um klein beigeben. Es geht nicht um Moral. Es geht um den aufrechten Gang mit gestärktem Kreuz. Es geht um Freiheit, aus der anders gehandelt kann als erwartet: antwortet denen, die euch anfeinden, mit guten Werken. Tut Gutes, die euch Böses wollen.

Wer aufrecht geht, hat einen Horizont. Wer kriecht, verliert den Horizont.
Wer Jesus Christus nachfolgt, sieht in die Weite und feiert den Sieg des Lebens mit Christus.

Der Text war an Sklaven gerichtet. Auch für sie ist Christus gestorben. Welch eine Wertschätzung in damaliger Zeit, als Sklaven wie Sachen behandelt wurden.

Christ sein war und ist offenbar nicht billig zu haben. Es verlangt ein mutiges Leben. Wunden sind unvermeidlich, aber sie tragen die Verheißung der Heilung. Dafür steht der gute Hirte.

Im Vertrauen auf ihn hoffe ich auf die Überwindung der Pandemie und will meinen Beitrag dazu leisten. Ich bleibe zuhause und auf Abstand, das gebührt dem Anstand.
In äußerer Unfreiheit gilt weiter das Wort: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“

Amen.

Ihr Pfarrer Bernd Küster

 

Liedvorschläge

  • Der Herr ist mein getreuer Hirt (EG 274)
  • Es kennt der Herr die Seinen (EG 358)

 

Wochenspruch

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Joh 10,11a.27–28a)
 

Gottesdienst-Tipps


Gottesdienst mit Pfarrer Johannes Eißler aus Eningen

Live-Gottesdienst der Kirchengemeinde Weil im Schönbuch (So 10 Uhr)